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  4. WC-Papier, Kondome und Tampons: Warum sie uns peinlich sind

Von Kondomen ganz zu schweigen

Warum ist es uns so peinlich, Klopapier zu kaufen?

Lasziv die Bananen aufs Kassenband legen? Easy. Die Aubergine routiniert aus dem Warenkorb schälen? Läuft. Den 16er-Pack WC-Papier souverän aus dem Supermarkt tragen? Kacke, total ungern. Aber was muss, das muss. Von der traurigen Tatsache, sich fürs Menschsein zu genieren.

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Diese dänische Influencerin ist eine schöne Frau. Die ab und zu Klopapier braucht. Sorry, not sorry.

Instagram/lottaliinalove

Die Wege des Herrn sind unergründlich. Warum eine Tupperbox am Mittag einen Mann so schlagartig unsexy macht, habe ich letztens lange versucht zu erörtern. Dabei heisst das: Der Typ hat sein Leben im Griff, der kocht vor, der ist verantwortungsbewusst. Hilft alles nix, schwebt eine Lunchbox in noch so schönen Pianistenhänden – die Erotik verpufft im selbst komponierten Mikrowellendampf.

Hätte ich ihn lieber mit Hakle Feucht an der Discounterkasse getroffen? Ich bin unsicher. Hätte ich mich mit Vaginal-Zäpfchen in der Apotheke sehen lassen wollen? Gott bewahre. Dabei sind das alles Dinge, die uns als sehr gründlich und bewusst markieren: Ich sorge mich um einen ausgewogenen Milchsäurehaushalt, er sich um Hygiene. Und achtet auf gesunde Ernährung am Mittag. Es ist ein Kreislauf, das ist alles menschlich. Und trotzdem unangenehm.

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Der hausgemachte Irrsinn nimmt kein Ende: Die Scham vor dem Kondomkauf beispielsweise gipfelt so manches Mal fast darin, lieber eine Schwangerschaft in Kauf zu nehmen, als die Person hinter der Kasse wissen zu lassen, dass ich demnächst Geschlechtsverkehr plane. Der nächste Schritt im Eiertanz: einen Schwangerschaftstest kaufen ohne rot zu werden. Auch das geht nur mit Komplikationen vonstatten, denn das Verkaufspersonal wüsste dann ja, dass ich zu dumm war, anständig zu verhüten. Genau genommen bin ich Mitte Dreissig. Wäre ich schwanger, wäre das alles andere als peinlich. Während sich mein Gegenüber also vielleicht für mich freut, meide ich Augenkontakt.

Im Jahre 2014 bat der Online-Supermarkt food.de seine Nutzer, ihm all die Drogerieartikel zu nennen, die sie ungern im Handel kaufen. Den Thron (was sonst) bestieg das Klopapier, gefolgt von Hämorrhoiden-Creme und Kondomen. Diese Umfrage mag alt sein, ist aber dennoch repräsentativ. Warum sich Verhütung und Schwangerschaftstest in Selecta-Automaten kaufen lassen? Weil man da (unter anderem) nachts unauffällig vorbeischleichen kann. Ohne zu interagieren. Wie im gesichtslosen Internet, um das eigene zu wahren.

Der Grad an Attraktivität korreliert nicht mit der Anzahl an Klorollen

Der Schuh drückt am eigenen Körper: Wenn möglich soll niemand wissen, was hinter verschlossener Tür passiert – ob hinter der WC-Tür oder im Schlafzimmer. Als gläserne Menschen legen wir auf den sozialen Medien immer mehr frei. Auf Instagram wird ein lautstarker Kampf um Body Positivity und Gleichberechtigung gefochten, aber dass man täglich aufs Klo muss, soll bitte einfach niemand erfahren? Schliesslich geht es auch hier um unseren Körper. Um zu funktionieren, muss er das machen dürfen. Oft und gern.

Dabei haben wir alle die gleichen Bedürfnisse. Wir alle verdauen mehr oder weniger gut, haben mehr oder weniger aufmerksamen Sex, müssen ab und an kleine Probleme untenrum behandeln. Wir leben eben. Wer da gegensteuert, hat eigentlich Applaus verdient. Wir verteilen Likes für getunete Körper. Das ist peinlich. Geschützen Sex zu haben oder seinem Darm Erleichterung zu verschaffen, nicht. Auch der perfekteste Mensch muss vermeintlich eklige Dinge tun. Selbst der heisseste Schlitten kauft mal die XXL-Packung WC-Papier – und zwar nicht zwingend, weil er/sie Durchfall hat, sondern aus praktischen Gründen.

Schon Herbert Grönemeyer lehrte uns: «Und der Mensch heisst Mensch. Weil er vergisst. Weil er verdrängt.» Verdrängen sollte man in erster Linie das Kopfkino, das man anderen unterstellt, wenn man mit gewissen Artikeln gespotted wird. Und bei sich selbst anfangen. So lässt sich vielleicht sogar eine Tupperbox handlen.

Von Linda Leitner am 04.11.2019
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