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#singlemombychoice

«Ich werde Mutter. Allein. Auf künstlichem Wege.»

Wer den Mann fürs Leben nicht gefunden hat, hat hierzulande Pech gehabt. Ergo: kein Recht auf ein Kind. Im Ernst? Ein Baby zu bekommen, ohne ein Y-Chromosom unter sich gehabt zu haben, ist ein unfairer, steiniger und teurer Weg. Nina Weber* geht ihn gerade. Uns hat sie davon erzählt.

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Allein gegen den Rest der Welt – für ein Baby.

Getty Images

Auf der Website des Universitätsspitals Zürich liest man: «Das Schweizer Fortpflanzungsmedizingesetz verlangt, dass Sie für eine Kinderwunschbehandlung in einer stabilen heterosexuellen Beziehung leben. Verheiratet müssen Sie jedoch nicht sein.» Wie gnädig.

Die Zürcherin Nina Weber verspürt einen starken Kinderwunsch. Seit sie 20 Jahre alt ist. Jetzt ist sie 34 und die biologische Uhr tickt. Laut. Die Zeiger stehen auf dem Klassiker in unserer Gesellschaft: Sie hat immer von der perfekten Hochzeit mit Prinzessinnenkleid und einer Familie geträumt. Aber es hat sich nie wirklich ergeben. Sie war im Job als kaufmännische Angestellte eingespannt, mit den Männern, die sie traf, hatte sie keine Basis. Den Wunsch vom Kind kann sie sich in ihrer Heimat also nicht erfüllen.

Sie hat sich aus Neugier an männliche Freunde herangetastet. So von wegen Co-Parenting unter Kollegen. «Wenn du aber mit jemandem eine Beziehung führst, auf welche Art auch immer, forderst du und verlangst Dinge. Vielleicht bin ich zu egoistisch – aber ich will entscheiden, wo mein Kind Weihnachten feiert. Daher ist das für mich kein Modell, mit dem ich mich identifizieren kann», sagt Nina Weber. Ok, auch keine Option.

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Kinder brauchen Bezugspersonen, das ist ihr klar. Männliche wie weibliche. Aber dazu ist ihrer Meinung nach kein biologischer Vater notwendig: «Auch wenn ich mich jetzt auf eine Beziehung eingelassen hätte und schnell schwanger geworden wäre – wer garantiert mir, dass das hält? Ständig mit dem Vater zu streiten – ist das besser für das Kind?», wägt Nina abgeklärt ab. Sie habe jedes Szenario im Kopf durchgespielt. Es ist eine Entscheidung fürs Leben. Und jetzt?

Macht sie es eben allein. Im Ausland, wenn einem hier Steine in den Weg gelegt werden. Unter dem Hashtag #singlemombychoice sammeln sich Gleichgesinnte, auf dem Instagram-Account @singlemomzh dokumentiert Nina furchtlos ihre Reise. Die führt von Kopenhagen nach Berlin, zurück nach Zürich, alles mit Umwegen über das Internet. Mit emotionalen Höhen und Tiefen. Sie möchte aufrütteln: Schweizer Frauen sollen das Recht haben, selbst zu entscheiden, was sie wollen. Es geht um Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Sie sollen ihre Optionen kennenlernen. Offiziell und nicht nur über Single-Mütter-Foren, die zwar sehr hilfreich sind, aber oft auch etwas radikal sein können. Aber unnachgiebig muss man wohl sein, wenn Schwangerwerden kein reiner Freudentaumel sein darf, sondern ein Jagen von Fakten wird. Also Nina, dann erzähl mal.

Style: Das Schweizer Gesetz macht es Singlefrauen nicht leicht: Man kommt ums Verrecken nicht an den Samen.
Nina Weber: Richtig, das Schweizer Gesetz sieht für alleinstehende Frauen nichts anderes vor als einen One-Night-Stand im Club inklusive Krankheiten. Es ist den Ärzten untersagt, zu beraten und zu informieren. Man ist komplett auf sich selbst gestellt, wenn man als Single auf medizinische Art und Weise Mutter werden will. Die Optionen, die man tatsächlich hat, sind, sich entweder einen privaten Spender im Bekanntenkreis zu suchen oder sich auf Portalen für Co-Parenting rumzutreiben. Da findet man unter Umständen einen Unbekannten, mit dem man sich dazu entscheidet, gemeinsam ein Kind grosszuziehen – unter vertraglicher Absicherung. Man hat keine emotionale Bindung, nur eine geschäftliche. Dort habe ich mich durch jede Menge berufstätiger Männer gescrolled, die aus Zeitgründen kein commitment, aber ein Kind machen wollen. Für mich war das alles nichts. Mir mit einem Fremden das Sorgerecht teilen? Nein, danke. Ich kenne allerdings Leute, bei denen das wunderbar funktioniert. Eine Frau, die sehr happy mit dieser Entscheidung ist, habe ich auf einer Kinderwunschmesse kennengelernt.

Es gibt Kinderwunschmessen?
Ja, natürlich. Im März in Berlin, im Oktober in Köln. Wie die Züspa quasi, nur zum Thema Kinderwunsch eben. Da hocken Agenturen, die Fertility-Reisen organisieren – mit Anreise, Hotel, Klinikbesuch, Beratung, Aufenthalt, allem. Man kann viel Geld machen mit den verzweifelten Wünschen anderer. Ob es das in der Schweiz gibt, weiss ich nicht – für mich hat es keine Rolle gespielt, in der Schweiz habe ich mich schliesslich nicht behandeln lassen können.

Was war der erste Schritt?
Meine Therapeutin hat mich auf Social Freezing hingewiesen. So habe ich angefangen, mich einzulesen. Man kann Eizellen entnehmen, einfrieren und zu einem späteren Zeitpunkt befruchten lassen. 

Du dachtest, warum noch warten?
Ich habe den Anti-Müller-Hormonwert messen lassen. Das Anti-Müller-Hormon gibt Aufschluss darüber, wie viele Eizellen eine geschlechtsreife Frau produziert. Drastisch gesagt: wieviele Eizellen-Reserven du noch hast. Bei Frauen zwischen 18 und 30 Jahren liegt der Wert zwischen 1 und 5 ng/ml. Ich hatte 1,8 ng/ml. Ab einem Wert von 1 ng/ml braucht man Unterstützung durch künstliche Befruchtung, um schwanger werden zu können. Das war ein Weckruf für mich. Das hiess, ich kann noch, aber vermutlich keine 10 Jahre mehr. Mit 35 geht schliesslich alles rapide bergab.

Anti-Müller-Hormonwert – noch nie gehört.
Schweizer Frauenärzte machen Frauen ab 30 nicht auf den Test aufmerksam. Ich verstehe das nicht: Warum wird uns vorenthalten, dass man diesen Wert so easy messen lassen kann? Frauen wird so unfairerweise das Recht genommen, selbst zu entscheiden, ob sie sich mit dem Thema Kinderwunsch auseinandersetzen müssen oder nicht. Ich gebe zu, es schürt Panik. Andererseits kann der Wert dir aber auch viel Komfort geben. 

Hast du wegen des Werts Panik bekommen?
Nein, Panik hatte ich nicht. Aber mir war klar, dass ich langsam überlegen muss, was ich will. Und das war im ersten Moment Social Freezing.

Yay, also auf zum Eier-Züchten?
Mir war nicht bewusst, dass es sich durch die einschränkende Gesetzeslage so anfühlen würde, als hätte ich gar kein Recht an den Eizellen. Klar, man lässt sie entfernen, einfrieren – aber als Single kann ich sie in der Schweiz nicht benutzen. Ich hätte sie für viel Geld ins Ausland verschicken müssen, um sie dort befruchten zu lassen. Hätte ich in den nächsten zehn Jahren einen Partner gefunden, hätte ich sie natürlich mit seiner Unterschrift auslösen können. Aber allein? Da kann ich nur entscheiden: behalten oder vernichten.

Klingt alles sehr hypothetisch.
Ja und es ist ausserdem teuer: Durch das tägliche Spritzen von Hormonen wird die Eizellreifung stimuliert. Man möchte ja das Maximum rausholen. Ich hatte beim ersten Ultraschall neun Eiblasen, dann sechs, dann noch vier. Unter Vollnarkose folgt dann der operative Eingriff, die Punktion, bei der der Eierstock angestochen wird und die Eizellen entnommen werden. Von den vier Eiblasen blieb am Ende eine einzige Eizelle übrig. Ob man die denn jetzt einfrieren solle, hat der Arzt gefragt. Das ist eine Kostenfrage. Sich um die Zelle zu kümmern, kostet ja. Zudem besteht die Gefahr, dass sie kaputt geht – wenn man sie einfriert, aber genauso, wenn man sie auftaut. So viel Geld für so viel Risiko und ein einziges Ei ...

Du hast die Eizelle wegwerfen lassen?
Ja. Für einen kurzen Moment dachte ich: «Wow ...» Das ist sehr speziell, obwohl ja im Grunde jeden Monat auf natürlichem Wege Eizellen kaputt gehen. Aber du hast sie rausgeholt und musst so aktiv eine Entscheidung fällen, erteilst die Freigabe zum Vernichten. Ich habe dann also angefangen, weiterzugraben: Was habe ich noch für Möglichkeiten?

Samenbank im Ausland?
Ich habe Samenbanken immer mit Männern assoziiert, die im Keller in einen Plastikbecher wichsen. Das hat für mich eine Hemmschwelle dargestellt. Ich habe dann aber wie wild recherchiert und bin auf die Regelungen in Dänemark gestossen. Die klangen für mich sehr spannend. Dort wird die anonyme, halboffene und offene Spende angeboten. Bei Letzterer steht einem ein 18-seitiges Dossier mit Persönlichkeitsanalyse zur Verfügung. Durch eine Decknummer kann man ausserdem nach Halbgeschwistern des potenziellen Kindes suchen. Es ist ein bisschen wie online Schuhe kaufen: Grösse, Farbe, Material. Auch hier kann man Filter setzen und es wird das ausgespuckt, was deinen Vorstellungen am besten entspricht. Dazu kommt ein Babyfoto des Spenders, eine Schrift- und eine Stimmprobe. Viele schreiben einen Brief an die Eltern, beziehungsweise das Elternteil, oder sogar an das zukünftige Kind selbst.

Das klingt beinahe rührend. Verliebt man sich da nicht fast ein bisschen in den zukünftigen Vater seines Kindes?
In erster Linie wurde die Stimme für mich ein ausschlaggebendes Kriterium: Wie angenehm klingt sie für mich? Wie motiviert? Eine begeisterte Stimme machte es mir leichter, mir ein mögliches Treffen zwischen Vater und Kind vorzustellen. Das war mir sehr wichtig. Ansonsten habe ich die Sache sehr nüchtern betrachtet: Dieser Mensch verhilft dir zu deinem Wunschkind. 

Wie findet man «The One» im Samenbank-Tinder?
Du setzt dich dabei einem gigantischen Informations-Overload aus. Ich musste das alles erst mal sacken lassen. Letzten Endes ist die Wahl des «Partners» genauso oberflächlich wie beim Online-Dating. Blond, blaue Augen? Swipe right. Ich habe nach langem Hin und Her jemanden ausgesucht, der mich körperlich und charakterlich ergänzt. Ich hatte mir zuvor ein Jahr gegeben – mit der Challenge, nicht ein einziges Mal an der Samenbank-Sache zu zweifeln. Auf der Kinderwunschmesse habe ich die Autorin des erfolgreichen deutschen Blogs «Solomama plus eins» kennengelernt. Sie hat inzwischen einen dreijährigen Sohn. Die Gespräche mit ihr, wie sie es schafft, alleine ein Kind grosszuziehen, haben mich entspannt.

Gute Frage: Wie schafft man das? Wie plant man?
Ein Zuckerschlecken wird das nicht, da muss man sich nichts vormachen. Ich werde nach den vier Monaten, die mir zustehen, weiterhin arbeiten, irgendwie muss ja Geld reinkommen. Ich habe es ausgerechnet: Mit 60% Arbeitspensum könnte es funktionieren, 80% wären besser. 

Unterstützt deine Familie dich?
Die weiss nichts davon. Ich habe durchaus erwähnt, dass ich künstliche Befruchtung in Erwägung ziehe, aber das Feedback war verhalten. Vermutlich, weil das Prozedere für die Generation meiner Eltern eben nicht der klassischen Familienplanung entspricht. Natürlich werden sie davon erfahren, wenn ich wirklich schwanger bin. Weil dann ganz klar die Freude aufs Enkelkind und nicht der Prozess und eine gewisse Sorge im Vordergrund stehen. Wenn es soweit ist, werde ich ganz sicher Unterstützung bekommen.

Weiter im Programm: Du hast dich für einen dänischen Samen und eine Befruchtung in Deutschland entschieden ...
Ja, die Kliniken in Berlin sind renommiert und leicht zu erreichen. Durch einen Ultraschall in der Schweiz wird die Reife der Eier kontrolliert. Den Startschuss für die Reise gibt dann der behandelnde Arzt im Ausland. Als die Eier gross genug waren, bin ich relativ spontan nach Berlin gejettet. In diesem Prozess kann man nicht planen.

Da wird Kinderkriegen wirklich zum maschinellen Vorgang.
Ja, ich habe quasi einen Tagesausflug nach Berlin gemacht, innerhalb von zehn Minuten den Arzt kennengelernt, den Vertrag für die Behandlung abgeschlossen, den Samen in Dänemark bestellt und dann war ich eigentlich ready für die Insemination. Dabei handelt es sich um die Übertragung des Samens direkt in die Gebärmutter. Das heisst, er wird reingespritzt. Man hilft natürlich nach, aber das Spermium muss letzten Endes von selbst zum Ei finden und es befruchten. Dementsprechend weniger kostet diese Option, man muss sie aber im Fall der Fälle auch öfter wiederholen. Ich dachte: «Super! Günstig und so. Das mach ich dreimal, dann klappt das schon.» Man muss aber bedenken, dass so ein Samen teuer ist. Je besser die Schwimmer-Qualität, umso höher der Preis. Ich habe ausserdem einen Test machen lassen, der alle Kandidaten ausschliesst, die wie ich Träger bestimmter ausgewählter Erbkrankheiten sind. 100%ig absichern kann man sich aber natürlich nicht. Zusätzlich muss man sich noch für eine gewisse Anzahl an Portionen entscheiden, wobei eine Dosis der halben Menge einer Ejakulation entspricht. Wieder ist es wie Schuhe bestellen: «Your order has been completed», «Your order has been shipped». Der Versand erfolgt in Trockeneis-Kanistern. Ich habe drei Portionen auf einmal bestellt, damit ich den Versand nur einmal zahlen muss und gleich alles in Berlin habe – für den Fall mehrer Versuche. Das alles summiert sich. In letzter Minute habe ich mich dann umentschieden – gegen Insemination, zugunsten In-Vitro-Fertilisation, bei der operativ punktiert wird wie beim Social Freezing, um die Eizelle zu entnehmen. Diese wird ausserhalb des Körpers befruchtet und wächst und gedeiht anschliessend fünf Tage im Glas. Dann wird das Ganze wieder eingesetzt. Die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft liegt bei 30%, bei der Insemination wären es nur 17% gewesen.

Herrje, wie viel hast du inzwischen ausgegeben?
Schätzungsweise um die 11.000 Euro. Andere waren für den Betrag viermal in den Ferien. Aber mich macht Geld nicht glücklich. Wie verrückt ist es, dass es im Grunde nur vermögenden Frauen möglich ist, allein ein Kind grosszuziehen?

Wie fühlt es sich an, diesen Prozess ganz allein durchzustehen? Ohne Partner, der einem den Kopf streichelt?
Ich hatte immer Panikattacken und Angstzustände, die viele Bereiche meines Lebens betroffen haben. Aber während des ganzen Vorgangs in Berlin hatte ich nicht ein einziges Mal Angst. Ich habe nicht ein einziges Mal in Frage gestellt, ob es die richtige Entscheidung war. Es hat sich eine innere Ruhe in mir ausgebreitet. Ich leide unter Flugangst – auf dem Rückflug von Berlin nach Hause war ich aber trotz Turbulenzen so entspannt wie noch nie. Weil ich wusste: Ich habe jetzt das gemacht, was ich unbedingt machen wollte.

Und jetzt ...?
Die Tests sagen, ich sei schwanger. Aber in einem noch sehr frühen Stadium. Natürlich habe ich wie jede andere Mutter Angst und mache mir Sorgen. Aber die Sache mit den Sorgen wirst du sowieso nicht mehr los, sobald du Kinder hast.

GRATULATION ♡

* Name von der Redaktion geändert.

Von Linda Leitner am 03.10.2019
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