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  4. Comedians wie Amy Schumer: Welchen Zweck hat Humor?

Heiter weiter

Welchen Zweck erfüllt Humor heutzutage?

Über den Ernst des Lebens sollte man besser keine Witze machen. Dabei erlaubt ein Blick auf das Zeitgeschehen eigentlich nur einen Schluss: Stand up and fight for your right ... to laugh.

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Amy Schumer zieht mit ihren Shows gegen Perfektionismus in den Krieg. Und gewinnt.

GC Images

«Lache und freue, säll bruucht eim nie reue», das hat meine Grossmutter immer gesagt, und genau so hat sies auch auf das Kissen gestickt, das sie mir vererbt hat. Das Wort meiner Grossmutter war Gesetz – fragen Sie meinen Vater, ihren Schwiegersohn – und lachen in unserem Haus eine Art Grundrecht. Nun war meine Grossmutter zwar keine Heilige, aber wenn unser Dorfpfarrer sonntags vom schweren, wenn auch auf Erlösung zusteuernden Christenleben predigte, geriet sie einstweilen doch in einen Konflikt: Da selbst der heilige Benedikt verlauten liess, «Albernheiten aber, müssiges und zum Gelächter reizendes Geschwätz» seien verbannt und verboten, wie war es dann um ihre Seele bestellt? Selbst Jesus Christus höchstpersönlich wird im Lentulus-Brief nachgesagt, niemand habe ihn zeit seines irdischen Lebens lachen gesehen.

Dabei ist lachen doch gesund. Der Blutdruck sinkt, die Muskulatur entspannt sich, und Stresshormone werden abgebaut. Und lachen hilft, die Welt für einen Moment aus ihren Angeln zu heben. Comedians wie Amy Schumer, Phoebe Waller-Bridge, Yvonne Orji oder Hannah Gadsby machen sich auf der Bühne und im Fernsehen sogar über sich selbst lustig und schaffen es dabei, jenseits von Gewichts- und Männerproblemen, Themen wie Mutterschaft, Älterwerden, Diskriminierung und Identitätsfindung auf äusserst clevere Art in den Mittelpunkt zu stellen. Jede auf ihre Weise nutzt die kathartische Wirkung des Lachens, um eine Haltung zum Ausdruck zu bringen und eine Geschichte zu erzählen. Ihre Geschichte.

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Phoebe Waller-Bridge machte aus ihrem One-Woman-Bühnenstück die Serie «Fleabag» und Zynismus wieder salonfähig.

Getty Images

Über das Lachen

Ein Blick auf die Philosophiegeschichte zeigt, dass Humor lange Zeit eine sehr ernste Angelegenheit war. Platon, König des erhobenen Zeigefingers, war der Meinung, man solle sich übermässiges Lachen (und Weinen) doch bitte verkneifen, um Würde und Haltung zu bewahren, während sein Schüler Aristoteles zwar ebenfalls zur Mässigung mahnte, dabei jedoch immerhin Folgendes einräumte: «... so ist bereits in der Poetik dargelegt worden, wie viele Arten des Lächerlichen es gibt, von denen die eine sich für den freien Mann schickt, die andere dagegen nicht.»

Form und Funktion des Lachens sind also massgebliche Kriterien, die über seine Daseinsberechtigung entscheiden. Meiner Grossmutter hätte das bestimmt gefallen, und ich bin mir sicher, sie hätte in ihrem Schlussplädoyer vorm Jüngsten Gericht damit den heiligen Benedikt ausgehebelt. Während die Kirche im Mittelalter das Lachen am liebsten verbannt hätte, geht die Neuzeit wesentlich entspannter damit um. Immanuel Kant, gefeiert für seine erlesene Auswahl an Imperativen, konstatierte folgenden Zweck des Lachens: «Das Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts.» Will heissen: Wenn der Verstand auf eine rationale Kommunikation wartet, die aber nicht folgt, darf gelacht werden!

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Yvonne Orji erkennt in Comedy ihre natürliche Begabung und dadurch einen Weg zu sich selbst.

Getty Images for HBO

Spass mit Freud

Auftritt Sigmund Freud: «... das Lachen gehört zu den im hohen Grade ansteckenden Äusserungen psychischer Zustände; wenn ich den anderen durch die Mitteilung eines Witzes zum Lachen bringe, bediene ich mich seiner eigentlich, um mein eigenes Lachen zu erwecken.» Der Witz als egoistischer Lustgewinn, was für eine famose Erkenntnis. Ich sehe meine Grossmutter vor mir, wie sie sich die Lippen leckt, um den mit Speichel benetzten Faden durchs Nadelöhr zu schieben ... Dabei war Freud die Sache mit dem Witz und der Sprengkraft des Lachens todernst! Immerhin widmete er ihr mit «Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten» (1905) eine umfängliche Studie. So ist der Witz das Ergebnis einer Lockerung von Hemmungen. Sein Ursprung liegt (natürlich!) im Unbewussten, wo sich all die verdrängten Erlebnisse und Erfahrungen tummeln. Aber gottlob gibt es findige Menschen, sie nennen sich Comedians, die sich nicht davor scheuen, genau da hinzugreifen. Mitten hinein ins Unbewusste, um die Wirkung eines Witzes und den befreienden Akt des Lachens in seiner ganzen Macht auszuspielen.

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Hannah Gadsby nutzt Stand-up-Comedy zur Traumabewältigung und stellt dabei gern mal das gesamte Genre infrage.

NBCU Photo Bank/NBCUniversal via

Stand Up For ...

Starten wir mit etwas leichter Kost: Whitney Cummings. Die mit der grossen Klappe, die Pointen im Sekundentakt abfeuert. Klamauk könnte man ihr unterstellen, aber selbst wenn! Die Hausaufgaben für ihre Netflix-Show «Can I Touch It?» (2019) hat sie gemacht und widmet sich darin Feminismus, Sexrobotern und #metoo. Sie gibt zwar im Gegensatz zu Kolleginnen wie beispielsweise Amy Schumer, die auf der Bühne über ihre künstliche Befruchtung, die Schwangerschaft und das Muttersein spricht, nur ab und zu Persönliches preis, von ihrem Lustgewinn durch die Performance (um mit Freud zu sprechen) profitiert aber auch das Publikum. Die Welt ist schlimm genug, ein bisschen Humor macht sie auch nicht mehr schlimmer. So in etwa sieht das auch die Britin Phoebe Waller-Bridge.

Mit «Fleabeag» (2016 und 2019, BBC Three) schuf sie ein Alter Ego, das im (filmischen) Leben ungebremst auf jede zwischenmenschliche Klippe zurast. Meistens hält sie ihre Zuschauer auf Abstand, und ihre zynischen Kommentare treffen bloss ihre Mitmenschen. Wenn sie jedoch direkt in die Kamera spricht, dann wird es auch für uns unbequem, dann schnippt sie uns weg vom bequemen Sofa, die Distanz zwischen dieser Figur im Fernsehen und uns verschwindet, und wir spüren, dass Comedy keine Einbahnstrasse ist. Für Comedians geht es darum, etwas sagen zu können, für das Publikum, es ertragen zu können – oder ertragen zu müssen? In guten wie in schlechten Zeiten.

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Whitney Cummings mäht das aktuelle Zeitgeschehen nieder, insbesondere das überkommene Patriarchat.

Getty Images for Vanity Fair

... Your Rights

Und dann kam Hannah Gadsby. Aus Tasmanien. Zugeknöpft, im wahrsten Sinne des Wortes. Verstörend direkt, bereit, das Genre der Stand-up-Comedy zu dekonstruieren. Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Ihre Wahrheit waren Prügel, Vergewaltigung, Autismus und das Leben in einer homophoben Gesellschaft. Davon erzählt sie 2017 in «Nanette» erst mal vermeintlich locker. Doch dann überrascht Gadsby im Rahmen eines Ted Talk mit der Aussage: «Ich wollte mit ‹Nanette› das Publikum eigentlich gar nicht zum Lachen bringen, ich wollte es mit meiner Geschichte schockieren.» Sie legt die formalen Strukturen des Stand-up-Genres offen und kündigt ihren Rückzug von der Bühne an. Der Weg zur Traumabewältigung sei eben keine Punchline, sondern ein «punching through the line», ein disruptives Eingreifen in das Narrativ. Gekonnt kokettiert? Im Mai dieses Jahres folgte die Netflix-Show «Douglas», bei der Gadsby ihre Geschichte weitererzählt und mit einem Augenzwinkern einräumt: «Hätte ich gewusst, wie unfassbar beliebt Trauma im Comedy-Kontext sein würde, hätte ich meinen Shit besser budgetiert.»

Doch nicht jeder persönlichen Geschichte muss ein Trauma zugrunde liegen. Im Bühnenprogramm «Stage Fright» (Netflix, 2019) beschreibt Jenny Slate überaus amüsant, wie ein Albtraum ein existenzielles Dilemma auslösen kann: «Ich musste sicher sein, dass der Traum auch wirklich gruselig war, denn meine Mutter unnötig aufzuwecken, hätte zum Herzstillstand geführt. Bei mir, nicht bei ihr.» Mit einem humorvollen Schlag wird man zurückversetzt in die finsteren Stunden der Kindheit, wo der elterliche Nachtschlaf sakrosankt war. In der «Daily Show» mit Trevor Noah erzählt Slate von ihrer Herkunft: «Ich stamme aus einer Familie von Geschichtenerzählern. Liebenswerte, alberne Menschen», aber auch von ihrer Angst, ihren Platz in diesem Gefüge und im Leben überhaupt zu finden, und wie Comedy ihr dabei geholfen hat.

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Jenny Slate möchte die Welt mit Humor einfach ein kleines bisschen lebenswerter machen – und sich selbst dabei finden. Wie wir alle.

Getty Images for Webby Awards

Kollegin Yvonne Orji geht es ähnlich. In ihrem Stand-up-Programm «Momma, I Made It» (HBO, 2020) reflektiert die Tochter nigerianischer Einwanderer über elterliche Erwartungen, «Meine Mutter sagte immer, das ist meine Tochter, und sie wird mal Ärztin», und die Suche nach einer eigenen Identität. Ihre Berufung zur Comedy fand Orji übrigens bei der Teilnahme an einem Schönheitswettbewerb: «Auf dem Anmeldeformular für die Show musste ich eine Begabung angeben, und ich dachte: ‹Gott, ich brauche ein Talent.› Und ich schwöre, eine Stimme sagte: ‹Mach Comedy!›»

Wenn Slate und Orji, ja selbst Hannah Gadsby, ihre Geschichten auf der Bühne erzählen, dann müssen wir lachen, weil wir auch Teile von uns wiedererkennen, weil es sich um universelle Themen handelt, die nur vermeintlich ad absurdum geführt werden. Und wenn alle Lacher verklungen sind, bleiben eben nicht nur schwierige Fragen wie: Wer bin ich? Wer will ich sein? Was macht mich aus? Sondern auch einfache Antworten wie: Lache und freue, säll bruucht eim nie reue!

Von Katrin Montiegel am 26.08.2020
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