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  4. Ist Homeschooling das Richtige für mich? Expertin spricht über Vor- und Nachteile

Bildungsexpertin über Vor- und Nachteile

«Homeschooling ist ein riesiger Aufwand für die Eltern»

Der Corona-Lockdown führte dazu, dass immer mehr Eltern auf den Geschmack des Homeschoolings gekommen sind. Bildungsexpertin Vanessa Pohl erklärt, warum dieser Schritt gut überlegt sein sollte und welche fünf Vorteile der Unterricht in einer Schule hat.

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Die Kinder daheim zu unterrichten, klingt für manche Eltern verlockend – doch der Entscheid will gut überlegt sein. (Symbolbild)

Getty Images

Viele Eltern haben die Zeit zu Hause mit ihren Kindern während des Corona-Lockdowns genossen. Dies hat auch Vanessa Pohl von der Arbeitsgemeinschaft der Rudolf Steiner Schulen in der Schweiz und in Liechtenstein festgestellt:

Frau Pohl, welche Familien erlebten den Lockdown samt Homeschooling positiv, welche nicht?
Gerade Eltern von mehreren kleineren Kindern fanden es schön, während des Lockdowns am Morgen keinen Stress zu haben, sie waren froh um die Entschleunigung. Eltern von älteren Kindern freuten sich hingegen, dass der Präsenzunterricht an der Schule wieder beginnen konnte, weil sie gemerkt haben, wie anspruchsvoll es ist, Kindern eine Struktur zu geben. Für viele Jugendliche war es schwierig, selber einen Rhythmus zu finden, am Morgen aufzustehen – und noch schwieriger, sich dies von den Eltern sagen zu lassen.

Was würden sie Eltern sagen, die in Erwägung ziehen, ihre Kinder längerfristig daheim zu unterrichten?
Es gibt nicht richtig und falsch. Es kommt auf die Familiensituation an. Die Eltern müssen sich überlegen, ob sie sich Homeschooling inhaltlich, aber auch finanziell leisten können. Ein Elternteil muss sich hundert Prozent dem Homeschooling widmen. Und sich fragen: Was kann ich meinem Kind bieten? Was für Kapazitäten habe ich selber? Man braucht ein gutes Beziehungsnetz und muss selber einiges drauf haben und das vermitteln können – und auch noch dem eigenen Kind! Mit ganz kleinen Kindern ist das vielleicht noch einfacher, später akzeptieren sie nicht mehr alles, lassen sich von den Eltern nicht mehr alles sagen.

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Zu was für Familien und Kindern könnte dies tatsächlich passen?
Falls die Ressourcen vorhanden sind, kann Homeschooling für gewisse Familien gut funktionieren. Zum Beispiel für solche mit sehr, sehr begabten Kindern, die in der Schule ständig unterfordert sind. Auch Kinder, die immer wieder gemobbt werden, könnten davon profitieren, oder solche mit starken Konzentrationsschwierigkeiten. Sich in Gemeinschaft anderer konzentrieren zu können, ist natürlich schwieriger.

Welche Aspekte des Homeschoolings könnten Schulen in Zukunft übernehmen?
Vielleicht könnte man die Schule etwas wandeln, zum Beispiel, indem sich jedes Kind einmal pro Woche mit Themen auseinandersetzen darf, die es selber wählt. Das schätzen ja viele Homeschooling-Familien besonders an ihrem Modell. Die Kinder können selbständig lernen, anstatt alles von aussen diktiert zu bekommen. Es wäre super, wenn man dies in der Schule einfliessen lassen könnte.

Fünf Vorteile der Schule

Diese Vorteile hat laut Bildungsexpertin Vanessa Pohl die Schule gegenüber dem Homeschooling:

  • Chancengleichheit
    «Ein grosser Befürworter des Homeschoolings ist André Stern, der französische Musiker, Komponist und Autor. Er wuchs jedoch in einer aussergewöhnlichen Situation auf: Er ist hochbegabt, seine Eltern sind selber Pädagogen und haben ein riesiges Beziehungsnetz. In so einem Fall ist Homeschooling super. Aber die Mehrheit der Kinder sind nicht so wie Stern, und ihre Eltern haben nicht die selben Kapazitäten wie seine. Auch bei Kindern, die an eine Schule gehen, spielt das Bildungsniveau der Eltern eine gewisse Rolle, aber die Chancengleichheit ist in der Schule grösser als bei Homeschooling.»
     
  • Sozialkompetenz erweitern
    «Beim Homeschooling geschieht die Sozialisierung der Kinder im Familienverband und in Vereinen. In einer Schule können Kinder diese Kompetenzen erweitern. Sie müssen sich in einer neuen Gruppe zurechtfinden, dadurch lernen sie viel.»
     
  • Objektives Gegenüber
    «Lehrer sind andere Bezugspersonen als Eltern, mit einem objektiveren Blick dem Kind gegenüber. Sie können ein Kind anders begleiten, weil die starke emotionale Bindung nicht da ist. Das macht einen grossen Unterschied in der Lernentwicklung des Kindes. Als Lehrperson hat man eine gesunde Distanz zum Kind. Und vielleicht gerade auch dadurch mehr Geduld.»
     
  • Eine neue Rolle einnehmen
    «In der Familie sind die Rollen sehr stark gefestigt, sie sind allein schon durch das Alter und die Position in der Geschwisterfolge gegeben. In der Schule stehen den Kindern alle Rollen offen, das jüngste Kind einer Familie kann zum Beispiel plötzlich eine Führungsposition übernehmen, was in der Familie nicht möglich wäre. Das ist eine Chance in einer anderen Gemeinschaft als der Familie. Und es ist tatsächlich so, dass Kinder in der Schule anders sind als daheim.»
     
  • Sich gegenseitig beflügeln
    «Mit anderen Kindern gemeinsam etwas zu lernen und zu entwickeln ist anders, als es daheim selbständig zu machen. Die Summe ist grösser, wenn man sich gegenseitig beflügelt, man kann das mit einem Thinktank vergleichen. In der Regel lernt man in einer Gemeinschaft mehr als allein oder zusammen mit nur einem Erwachsenen. Zudem kann man in einer Gruppe grössere Projekte entwickeln, gerade in gestalterischen Bereichen wie Musik oder Theater. Das alles wäre für Eltern sehr anspruchsvoll und mit einem riesigen Aufwand verbunden.»

Weitere Informationen zum Homeschooling gibt es in unserem Interview mit dem Präsidenten des Vereins Bildung zu Hause Schweiz sowie im Erfahrungsbericht einer Homeschooling-Familie. Ein Interview mit einer weiteren Homeschooling-Familie folgt demnächst bei uns auf www.schweizer-illustrierte.ch/family

Von Christa Hürlimann am 28.05.2020
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