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Was sagen? Und was nicht?

Gefühlsguide: Wie hilft man Freunden mit Anxiety?

Angst um die eigene Gesundheit und die der anderen, plötzlicher Kontrollverlust, Langeweile, das schmerzliche Vermissen von Lieblingsmenschen: «Anxiety» ist kein Modewort, das die Kardashians in den Raum werfen, wenn sie genervt sind. Angstzustände sind real. Aber wie gehen wir als gute*r Freund*in damit um?

Anxiety

Angst vor der Angst der anderen? Wir läuten das Gespräch ein.

Getty Images/EyeEm

Am Anfang waren sie einfach ängstlich. Man hat ihnen unterstellt, sie würden übertreiben. Sie haben vielleicht ein bisschen zu oft Fieber gemessen, CBD-Öl geschluckt und die Hände desinfiziert. Aber wer sagt, wann oft zu oft ist? Inzwischen leben wir fast neun Monate mit der Pandemie, die Situation wird ernstgenommen. Wer sich austauscht, weiss, dass sich die meisten von uns unwohl fühlen. Emotional nicht auf der Höhe sind. Angst haben.

Viele fallen in ein Loch, weil eine Tagesroutine quasi inexistent ist. Man sitzt zu viel zu Hause rum, im schlimmsten Fall ohne Arbeit, die Uhr tickt, es gibt reichlich Zeit zum Grübeln. Viele von uns können das Gefühl nachvollziehen, von den eigenen Gedanken und Ängsten überrollt und erdrückt zu werden – vor allem dann, wenn man kaum etwas zu tun hat. Aber man muss trotz Abstand nicht allein ins Tal der Tränen: Wir reden von Physical Distancing statt Social Distancing und wissen um die Notwendigkeit, jetzt als Team zu handeln. Und wenn Freunde ihre Angst äussern, müssen wir da sein – auch, wenn wir selbst nicht genau wissen, wie wir damit umgehen sollen. Ein Geheimrezept gibt es nicht. Aber Anhaltspunkte. Sagen und fragen könnte man zum Beispiel:

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«Was kann ich tun, um dir jetzt gerade zu helfen?»

Die Frage ist so einfach wie wichtig. Sie sagt alles und doch nichts, signalisiert aber in erster Linie Bereitschaft. Es gibt keinen richtigen Weg, ein Gespräch zu beginnen, denn jede Angst ist anders. Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse. Und nicht jeder weiss, was er braucht. Aber einen Versuch ist es wert. Sich an einem Tag, an dem das Gefühlschaos nicht gerade explodiert, anzunähern, kann dem Betroffenen helfen, die Situation besser einzuordnen und klarer zu sehen, wie man Beistand leisten kann.
Es ist nicht selbstverständlich, dass sich das Gegenüber öffnet. Drum an dieser Stelle: danke fürs Vertrauen ❤

«Möchtest du meinen Rat oder soll ich einfach nur zuhören?»

Die meisten Probleme lassen sich von jetzt auf gleich nicht lösen. Wir sind Dienstleister: Rat gibt es nur auf Anfrage, niemals unaufgefordert. Unsere Parade-Services: eine beruhigende Präsenz und geduldiges Zuhören – ohne Drängeln und vor allem ohne zu verurteilen und zu werten. Es ist gut, Ängste und Bedenken nachvollziehen zu können, man läuft aber schnell Gefahr, das Ruder im Gespräch zu übernehmen. Vielleicht tut es unserem Lieblingsmenschen einfach gut, sich die Enge von der Seele zu reden, ganz ohne eine Reaktion darauf zu bekommen.

«Du weisst, ich bin immer für dich da.»

Da flitzt ein*e Freund*in durchs Gehirn? Eine süsse Nostalgie durchströmt das Herz? Eine Anekdote verschiebt die Mundwinkel? Gleich folgende Zeilen ins mobile Endgerät hacken: «Ich musste grad an dich denken.» Wir tun das viel zu selten. Es tut gut beiden Seiten gut, ab und an mal was rüberzuschicken und zu empfangen. Wir müssen wissen, dass wir zueinander halten. Egal, was kommt. Folglich darf man auf die Ängste gerne mit obigem Satz reagieren.

«Soll ich vorbeikommen?»

Klar, das geht heute nicht immer. Gehört der andere nicht zu den Premiumkontakten, dann geht man eben spazieren. Oder beide tragen Maske. Oder man ruft an. Es geht darum, Prioritäten aufzuzeigen. Und die, die uns in- und auswendig kennen, sind da himmelhoch weit oben.

Aber Obacht:
Natürlich gibt es im Umkehrschluss auch Dinge, die man eher nicht sagen sollte.
Die wären:

«Es gibt keinen Grund zur Panik!»

So funktionieren Panikattacken leider nicht. Angst verschwindet nicht einfach auf Knopfdruck oder Wunsch. Natürlich soll man seinem Gegenüber Ruhe vermitteln – explizit zu Ruhe aufzurufen, kann ins Gegenteil umschlagen. Der Versuch der Kontrolle kann die Angst intensiver werden lassen.

«Uns gehts jetzt allen schlecht.»

Natürlich ist es tröstend, wenn das Umfeld nachvollziehen kann, was in einem vorgeht. So weiss man auch, dass man nicht allein ist mit all dem Mist. Damit es aber keinesfalls so aussieht, als würde man den Ernst der Lage nicht erkennen: Bitte die Probleme nicht in Relation zu den eigenen setzen! Mental Health ist kein Wettkampf, den der gewinnt, dem es am schlechtesten geht. Auch wenn alle leiden, hat doch jeder sein eigenes Problem und wertet verschiedene Emotionen und Geschehnisse anders.

«Denk einfach nicht zu viel drüber nach!»

Hmm naja, genau das ist ja meistens das Problem: Negativen Gedanken einfach einen Riegel vorzuschieben funktioniert nicht. Die Floskel «Entspann dich!» triggert den Vorwurf «Warum schaffe ich es nicht, mich zu entspannen?». Liegt einem dieser Satz auf der Zunge: Besser den Mund halten. Und noch mal nach oben scrollen.

Wie geht es euch und eurem Umfeld mit der aktuellen Situation? Was macht ihr, um anderen zu helfen? Diskutiert mit!

Von lei am 16.11.2020
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