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Schauspielerin aus The Queen's Gambit findet sich hässlich

«Zum Glück muss ich mich selbst nicht ansehen»

Die Frau (siehe Bild) findet sich hässlich. Ihre Selbstzweifel hätten Anya Taylor-Joy beinahe davon abgehalten, ihre Durchbruch-Rolle in der Netflix-Mini-Serie «The Queen's Gambit» zu übernehmen. Schaut, was Schönheitsideale anrichten können. Am lebenden Beispiel.

PARIS, FRANCE - MARCH 03: Anya Taylor-Joy attends the Miu Miu show as part of the Paris Fashion Week Womenswear Fall/Winter 2020/2021 on March 03, 2020 in Paris, France. (Photo by Jacopo Raule/Getty Images)

Schauspielerin Anya Taylor-Joy. Unserer Meinung nach schön. Aber wir sind ja (leider oder zum Glück) nicht die Norm.

Getty Images

Komisch sähe sie aus, sagte Anya Taylor-Joy kürzlich zu The Sun. Nicht schön genug, ein Star zu sein. Nach diversen Panikattacken nahm sie die Rolle schliesslich doch an. Die Hauptrolle in «The Queen's Gambit», die sie furchtbar schnell berühmt machte. 

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In der Netflix-Serie geht es darum, dass sich eine Frau in einem Männersport (Schach) ganz an die Spitze spielt. Und daran beinahe zerbricht. Und um Emanzipation. Aber das feministische Narrativ läuft nur nebenbei ab. Es geht in der Serie um das Heranwachsen von Beth, gespielt von Anya Taylor-Joy.

Klingt wie eine Rolle, die man nicht ausschlagen sollte, wenn sie einem schon angeboten wird. Taylor-Joy hat sich das gemäss eigener Aussagen jedoch zumindest überlegt. Wegen Selbstzweifeln. Wegen dieser Schönheitsideale, denen sie mit ihrer Physiognomie nicht entspreche.

Diese, unsere Ideale haben eben wirklich Einfluss auf Sympathien und Karrieren – diese Erkenntnis erlangte man in einer ähnlichen Zeit, in der auch die Serie spielt.

Die Macht der Schönheit ist ein relativ modernes Konstrukt

1969. Etwas mehr als 50 Jahre ist es her, dass Forscherin Ellen Berscheid entdeckte, wie das Aussehen unser Leben beeinflusst. Sie untersuchte, warum einige Kinder beliebter waren als andere. Spoiler: Es lag nicht an den inneren Werten. Je hübscher sie waren, desto eher wurden sie als genügsam wahrgenommen, umso seltener als Querulant*innen.

Heute lebt die mittlerweile über 80-jährige Wissenschaftlerin in Einsamkeit. In der Natur. Sie hat es nicht mehr ausgehalten. Denn auf ihre Erkenntnis folgten noch weitere. Zum Beispiel solche zum «Schön-ist-gut-Effekt».

Schön ist gut und was ist schön?

Der «Schön-ist-gut-Effekt» ist nicht nur ein Effekt, er ist vor allem ein Irrtum. In Taylors Fall hätte er nämlich zur Folge, dass wir uns denken: «Die entspricht nicht dem goldenen Schnitt, ist also nicht im ganz klassischen Sinne schön, also kann die auch nicht schauspielern, also ist die Serie nix, also schauen wir sie uns nicht an.» Oder mindestens genauso schlimm: Man hat das schon verinnerlicht. Wie Taylor. Heisst: «Ich bin nicht schön, also nicht gut, also kein Filmstar.»

Dieser Mechanismus macht unsere Welt sehr viel ungerechter. Und er verführt uns zu schlechten Entscheidungen. Doch wenn wir das seit Jahrzehnten wissen: Warum lassen wir uns von Schönheit so sehr blenden? Und auch: Warum ist unser Bild davon noch immer so eingeschränkt?

Schön so?

Als schön oder hübsch beurteilen wir jemanden nach evolutionären Kriterien. Heisst: Je symmetrischer ein Gesicht, desto eher hat dessen Besitzer keine Krankheiten, desto gesünder ist er und bla. Oder auch nach dem goldenen Schnitt. Altes, aber immer noch irgendwie gültiges Massinstrument. Dabei geht es um den Abstand der Augen, der proportional gleich sein sollte wie der zwischen Nase … und so weiter mit dem mathematischen Gequatsche. Wahrscheinlich sind Taylor-Joys Augen zu weit auseinander. Und das ist jetzt schlimm?

Die schlechte Nachricht: Ja. Solche Abweichungen irritieren auf den ersten Blick.

Doch wir wären nicht wir, wenn wir nicht auch eine gute Nachricht für euch hätten. Also, hier die Gute: Wir können mehrmals hinschauen! Ein zweites, drittes Mal. Diese Blicke, gekoppelt mit Erfahrungen, die wir mit den zu Betrachtenden machen (eine sympathische Unterhaltung; jemand kann weit auseinander stehende Augen haben und gut schauspielern) können unsere Bilder verändern. Wir sind also in der Lage, selbst zu definieren, was uns schön erscheint. Wir müssen nur lernen, richtig hinzusehen.

Habt ihr «The Queen's Gambit» auch schon durchgebinged und seid froh, dass Anya Taylor-Joy die Rolle angenommen habt?

Von Rahel Zingg am 24.11.2020
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