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Zur Stil-Ikone gereift

Roger Federer im Wandel der Zeit

Den eigenen Stil zu finden, ist ein Prozess. Das gilt auch für Tennis-Superstars. Wie aus einem Teenager in Baggy Jeans und Schlabbershirt die anmutig coole Fashion-Ikone Roger Federer wurde.

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NEW YORK, NY - MAY 01: Roger Federer arrives at "Rei Kawakubo/Comme des Garcons: Art Of The In-Between" Costume Institute Gala at The Metropolitan Museum on May 1, 2017 in New York City.  (Photo by Sean Zanni/Patrick McMullan via Getty Images)

Man nennt sie auch die Oscars der Modewelt: die Met Gala in New York City. 2017 feiert auch Roger Federer mit.

Patrick McMullan via Getty Image

Es gibt Menschen, die sind trendy. Andere suchen und finden ihren eigenen Stil. Dann gibt es Roger Federer. Existierte ein Rezept zum Ikonen-Backen, wäre das Ungreifbare die Zutat, die Patissiers von Hobbybäcker*innen unterscheidet. Roger Federer hat durch Leistung und Können geschafft, wovon andere ihr Leben lang träumen: Er ist eine Ikone geworden. Auch wenn es um Stil geht. So schwärmen Modeexpert*innen und Stilkritiker*innen von seinem zeitlos klassisch-eleganten Modebewusstsein. Zu seiner Fan-Gang gehört mit Anna Wintour immerhin auch die mächtigste Frau der Modeszene. Die Chefredaktorin der amerikanischen «Vogue» kann – so die Legende – mit einem Verziehen ihrer Mundwinkel Designer-Karrieren zerstören oder in luftige Höhen katapultieren (ähnlich wie Roger Federer das mit Tennisbällen macht). Ob die beiden sogenannten «Powerhouses» hinter verschlossenen Türen über die Fifty Shades of schwarze Krawatten diskutieren? Steile These: vermutlich nicht. Diese Freundschaft geht angeblich über den Kleiderschrank hinaus. Es schadet aber sicher nicht, die mächtigste Modekritikerin der Welt im engeren Freundeskreis zu wissen.

Cooler als cool

Sein Kleidungsstil wird gern als Inbegriff des unaufgeregt klassischen Stils gefeiert, den BWL- und Jus-Student*innen sich mit gut sitzenden Polohemden, Schalklassikern von Burberry und/oder einer Louis-Vuitton-Logo-Bag quasi als zweites Nebenfach anzueignen versuchen. Doch – und das ist der wahre Zauber von Klischees – tut es dem Stilempfinden von Roger Federer (und übrigens auch dem der meisten BWL- und Jus-Studierenden) unrecht. Treffender hat es die australische «GQ» anlässlich von Federers Wahl zum «Most Stylish Man of the Decade» 2020 formuliert. Sie beschrieb die Klamottenwahl des Tenniskönigs simpel und schlicht als «graceful cool», anmutig cool. Und anmutig cool ist cooler als cool.

Mirka ist nicht immer Fan

Glaubt man Federer, steckt hinter seiner modischen Treffsicherheit keine analytische Meisterleistung. In einem Interview mit der britischen «GQ» sagte er 2018: «Ich habe früher einfach Turnschuhe, Jeans und ein Trainingsshirt getragen.» Mirka fand das nicht so Bombe. Federer: «Sie meinte: ‹Ääähm, bist du sicher bei diesem Look?›» Mit zunehmendem Erfolg habe er mehr Zeit auf Red Carpets verbracht. «Ich dachte, ich brauche einen Anzug und eine Krawatte.» Irgendwann habe es ihm gedämmert: «Vielleicht brauche ich verschiedene Krawatten, Anzüge und schwarze Schuhe zum Abwechseln.» Doch selbst ein Superchampion kennt modische Unsicherheiten. «Ich war früher nervös vor Red-Carpet-Auftritten und habe mir Gedanken darüber gemacht, wie ich aussehen würde», sagte er 2016 im Interview mit «Esquire». Er habe Dinge ausprobiert, manchmal «dumm» ausgesehen und sich manchmal richtig wohlgefühlt. «Das hat sich entwickelt, weil ich in der Öffentlichkeit stehe und mich immer anständig anziehen musste.» So verstaute er die Extravaganzen in XL Anfang der Nullerjahre tief im Schrank (laut Federer habe er damals, mit etwa 17, zu grosse Klamotten à la Andre Agassi getragen, um «aufgepumpter» auszusehen) und setzte auf schmalere Silhouetten, die ihn und seine Spielerkollegen stärker, athletischer und eben auch eleganter aussehen lassen. Und näherte sich damit so langsam seinem «anmutig coolen» Signature Look an. Letzteres ist, wie wir alle spüren, nie verkehrt. Was macht Federer also richtig? Mikroskopieren wir kurz nach einem praktisch-kompakten Drei-Punkte-Plan:

Bendiners Drei-Punkte-Plan

Roger Federer springt nicht auf jeden Trend auf: Alle tragen zerrissene Jeans und nennen das «Used Look»? Roger Federer bleibt seiner Lieblingshose treu. Menschen adaptieren Pyjamas für den Red Carpet? Der Maestro kommt in Dior Homme. Das ist der Unterschied zwischen eigenem Stil und gutem Styling: Der Signature Style überdauert schnelle Mode-Hypes.

Roger Federer wirkt bodenständig: Während uns bei anderen A-Prominent*innen Supreme-, Gucci- oder Louis-Vuitton-Logos in den wildeste Kombinationen die Botschaft «Wir haben übrigens mehr Geld als ihr» entgegen schreien, wirkt Roger Federer erfrischend bodenständig. Selbst wenn sein Kleiderbudget das eines durchschnittlichen Mannes weit übersteigt – er braucht keine fetten Logos und Bling-Bling-Geklirre, um zu zeigen, was er hat. Er hat es einfach.

Was Federer trägt, ist tragbar: Dank Kollaborationen mit Nike, Uniqlo oder On schraubt Federer kräftig an seinem eigenen Imperium. Sein elegant verschnörkeltes «RF»-Logo ist längst ein Brand. Seine Philosophie? «Lasst uns die Strasse nicht vergessen», sagte er zur australischen «GQ». Kleidung, Accessoires oder Schuhe mit dem Federer-Siegel sollen auf dem Platz und auch daneben funktionieren. Lässig und unaufgeregt.

Zuverlässige Leichtigkeit

Ob wir dank diesem Dreipunkteplan ebenso ungreifbar anmutig wie Federer werden? Vielleicht im Kleinen. Nur die wenigsten Menschen gewinnen 20 Grand-Slam- und 103 ATP-Titel und werden damit zur Ikone. Das ist übrigens per definitionem jemand, der bestimmte Werte verkörpert oder ein bestimmtes Lebensgefühl vermittelt. Bei Federer ist das die viel gelobte Ausdauer, die Zuverlässigkeit, die Bodenständigkeit, gepaart mit Eleganz und einer gewissen Leichtigkeit. Sich ein kleines Scheibchen davon per Roger-Federer-Poloshirt über den Kopf zu streifen, ist im Minimum schweizerisch. Und im Maximum der Startschuss auf dem Weg zum eigenen Stil.

Von Bettina Bendiner am 3. Oktober 2022 - 18:00 Uhr