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  4. Corona-Weihnachten – Wie wirds trotzdem schön?

Ihr Kinderlein kommet (nicht)

Weihnachten wird anders, vielleicht sogar schöner

«Leise rieselt der Schnee, still und starr ruht der See. Weihnachtlich glänzet der Wald. Freue Dich, Christkind kommt bald!» Korrekt, aber auch nur das. Sonst schaut dieses Jahr unter Umständen kaum wer vorbei. Sad World. Ach was! Dieses ominöse «Weihnachten light» hat nicht nur Nachteile.

Photo of a woman holding her dog, wearing a Christmas headband, and dancing in the living room of her apartment; celebrating Christmas and upcoming holidays alone with a pet.

«Allein allein» sang 2008 schon die deutsche Band Polarkreis 18. Diese Weihnachten haben wir endlich Zeit für gründliche Quality Time mit dem Haustier.

Getty Images

Schwippschwager und Grosstante – kaum jemand kann diesen Grad des Verwandtseins definieren, geschweige denn identifizieren, aber an Weihnachten strömen alle zusammen, um sich erst in den Armen und kurz darauf in den Haaren zu liegen. Weihnachten ist eine unumstössliche Familien-Chose, das Fest der Liebe. Das Fest der (Seiten)Hiebe. Mit keinem Datum verbindet einen wohl emotional eine ambivalentere Beziehung.
Dieses Jahr wird sich vieles ändern. Wessen Stammbaum stark verästelt ist, der spürt den Phantomschmerz schon jetzt: Risikopatienten wie Eltern und Grosseltern sollten gemieden werden, mehr als zehn Leute dürfen sich nicht miteinander vergnügen. Wer die zudem mit dem nötigen Mindestabstand bewirten will, braucht die Tafel eines mittelgrossen Schlosses. Fazit: 2020 muss reduziert gefeiert werden. Ja, das ist anders als sonst. Ja, die Ur-Oma kneift ihrem Enkel dieses Jahr nicht in die wohlgenährte Backe. Und ja, es können nicht mehr alle zusammen die Gabel ins Fondue halten. Aber ja, es gibt Menschen, die feiern jedes Jahr so. Allein. Oder im kleinen Kreis, weil die Familie nicht (mehr) sonderlich gross ist. Wer also jetzt schon nörgelt, jammert irgendwo auch auf hohem Niveau. Einmal schaffen wir das. Jeder von uns. Weil: So schlimm ist das alles gar nicht.

Familienauszeit = Auszeit von der Familie

Neuerdings. Wer eigentlich gar keine Lust auf besinnliche Besinnungslosigkeit hat, dem wurde (endlich) die lang ersehnte Ausrede in den Mund gelegt. Schmerzt das Herz wirklich sehr, sei euch eine effektive Planung an selbiges gelegt. So ist es sinnvoll, die Besuche zu staffeln und an den Feiertagen ein Zwei-Phasen-Programm durchzuführen.
Das Timing: In einer ersten Etappe könnte man Grosseltern, Familienmitglieder oder Freunde, die nicht zum gleichen Haushalt gehören, besuchen. Natürlich schön brav mit gut sitzender Maske und selbstredend auch nicht ewig. Alternativ könnte man sich statt um den Weihnachtsbaum vor einer mit Geschenken gesäumten Feuerschale im Garten versammeln. In der zweiten Phase gehen alle Beteiligten nach Hause. Jeder zu sich, versteht sich. Wer dann immer noch Sehnsucht verspürt, darf gerne den Rest der Sippe virtuell per Video-Call zuschalten. Und das optional ganz ohne Hose.

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Keine Termine und leicht einen sitzen

Pro Freundeskreis mindestens ein Christmas-Dinner, wöchentlich vier Glühwein-Dates, dazu die Büro-Weihnachtsfeier, gekrönt von den Feiertagen, über die ja bekanntlich alle home for Christmas driven. Hinz und Kunz steht plötzlich wieder da auf der Matte, wo er aufgewachsen ist. Mensch, man hat die Leute aus der Schule ja schon ewig (seit letztem Weihnachten) nicht mehr gesehen! Und die Cousins, mit denen wir früher immer gespielt haben! Das gesamte bisherige Leben möchte gesehen, besucht und gefeiert werden – das bedeutet Stress für Kalender und Kopf. Aber dieses Jahr ist da ... nichts.
Oder zumindest weniger. Vieles davon fällt weg. Das mag schmerzen, kann aber auch ganz bewusst als Entlastung wahrgenommen werden. Die Weihnachtslichter dürfen ganz ohne klebrigen Smalltalk angehimmelt werden und vor allem: Wir können uns mit gutem Gewissen ins Bett statt in Glitzer kuscheln, sobald es dunkel wird.
Ausserdem: Warum alte Freunde immer nur am hektischen Jahresende sehen? Jetzt ist es an der Zeit, Pläne für eine bessere Zukunft zu schmieden. Wer kommt zu wem? Wer wohnt in der spannenderen Stadt? Wer hat den schöneren Garten für ein Grillfest im Sommer? 

O du frustrierende! Endlich kein Singen mehr

Gegrölt wird erst wieder nächstes Jahr am Oktoberfest. Experten bewerten Singen in Innenräumen nämlich als sehr heikel – sogar mit Maske. Die Aerosole, die Tröpfchen ... ihr wisst schon. Wie schade aber auch. Wer dennoch Besinnliches schmettern will, muss sich in den Garten stellen oder den Italienern im Lockdown Numero Uno nacheifern und auf dem Balkon trällern.

Wenn wir schon dabei sind: Schön ausmisten, auch die Traditionen

Wie bereits erwähnt: Die Ruhe, von der wir sonst immer sprechen, tritt dieses Jahr vermutlich tatsächlich ein. Und im Zusammenhang mit Entschleunigung fällt ja immer auch das Wort aufräumen. Drum fragen wir uns jetzt: Welche Weihnachtstraditionen mögen wir wirklich? Müssen wir ECHT singen? Brauchen wir wirklich so viele Guetzli-Sorten? Muss ein Baum sein? Welche Traditionen halten wir vielleicht nur aus reinem Pflichtgefühl heraus aufrecht? Wollte man eh schon immer mal als Paar, im kleinen oder Freundeskreis feiern? Wen wollen wir wirklich treffen? Mit wem ist es Jahr für Jahr mühsam? Augen zu und ehrlich sein!

Wir sind alle Individuen – wie die Geschenke

Sich durch überfüllte Kaufhäuser zu schieben, hat nie weniger Spass gemacht. Geschenke kommen dieses Jahr aus dem Netz oder aber ... aus unseren flinken Händen. Im April habt ihrs doch sicher mit Stricken versucht? Mit Malen? Mit Cold Brew? Mit Granola? Jetzt, wo es so früh dunkel wird, lässt sich da wunderbar weiterbasteln und dann mit dem Produkt wild um sich werfen. Wie wäre es denn mit gebrannten Mandeln, jetzt wo die Weihnachtsmärkte fast alle abgesagt wurden? Magenbrot? Einer eigenen Glühweinmischung? Kuschelsocken wie früher vom Grosi? Weckt Sehnsüchte! Werdet kreativ! Werdet und macht glücklich. Amen.

Von lei am 22.12.2020
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