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Downshifting im Beruf

Vom Ausstieg und Verzicht auf Karriere

Entschleunigung und Detox sind die Trends der heutigen Zeit. Das gilt auch für die Work-Life-Balance: Das sogenannte «Downshifting» lässt Berufstätige von höheren in tiefere Positionen wechseln – und bringt dennoch einige Gefahren mit sich.

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Wem die Karriere zu eintönig und anstrengend wird, der wechselt gerne mal in eine tiefer qualifizierte Stelle.

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«Freizeit ist in, Arbeit out», sang der Deutschrapper Shindy 2013 – und trifft mit dieser Aussage auch heute eigentlich genau ins Schwarze. Das Phänomen «Downshifting» gewinnt in den letzten Jahren zunehmend an Präsenz. Es beschreibt den Wechsel von einer höheren in eine tiefer qualifizierte Stelle. Quasi vom CEO zum Tellerwäscher, von der Topmanagerin zur Floristin. Dabei gelten die schlechter bezahlten und handwerklichen Berufe oft als Befreiungsschlag aus dem Büroalltag. Ob es schlussendlich wirklich weniger stressig ist, in einem vollen Restaurant sämtliche Teller rechtzeitig zu säubern, ist fragwürdig. Schlussendlich geht es beim Downshifting aber um eine Art der Entschleunigung. In welchem Berufsfeld die liegt, nimmt jeder Mensch individuell anders wahr.

Sicher ist aber: Während früher Menschen, die sich für ein Downshifting entschieden, häufig als Aussteiger angesehen wurden, ist der Austritt aus dem Hamsterrad heute salonfähig. «Downshifter*innen werden heute zu Role-Models», erklärt Marion Fürbeth, Leiterin des Instituts für HR an der Kalaidos Fachhochschule für Wirtschaft. Der Gedanke dahinter: Downshifting ist das Setzen von Prioritäten. Und wer seine Priorität nicht auf die steile Karriere setzt, der lebt freier und unbeschwerter – so das Versprechen.

Mitte 40 kommt die Sinnesfrage

Die meisten Downshifter*innen seien Mitte 40 und stehen im Zenit ihrer Karriere. «Dann beginnt man zu hinterfragen», erklärt Fürbeth. Auslöser dafür können verschiedenste Ereignisse sein, etwa die Diagnose einer Krankheit, das Zerbrechen von Beziehungen oder das nahende Burn-Out. Im Mittelpunkt steht dabei laut Fürbeth stets die Sinnesfrage: «Wie will ich eigentlich meine begrenzte Lebenszeit nutzen? Womit will ich mich beschäftigen? Ist das, was ich jetzt mache, tatsächlich sinnvoll?» Die Antwort könnte im Downshifting liegen.

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Zu romantisierte Vorstellungen können gefährlich sein

Doch so unbeschwert der Berufswechsel und der Verzicht auf die «grosse Karriere» auch klingen mag, ein Downshifting kann unvorhergesehene Belastungen mit sich bringen. «Oft realisiert man erst mit dem Verlust der beruflichen Position, dass sich auch das Beziehungsnetz verändert», sagt Fürbeth. Der Rollenwechsel und der damit verbundene Statusverlust seien oft stärker spürbar, als man vorher meint. Viele würden erst im Nachhinein merken, dass es in ihrem sozialen Umfeld vielleicht mehr um Status ging als primär um sie als Person. «Durch ein Downshifting kann man mittelfristig uninteressanter oder irrelevanter werden.» Das kann eine psychische Belastung sein und wird häufig unterschätzt.

Grundsätzlich empfiehlt Marion Fürbeth: «Man sollte ein gutes finanzielles sowie soziales Polster haben.» Das private Umfeld sollte deshalb zwingend informiert sein und mitziehen. Schliesslich verändern sich die Möglichkeiten und man muss gewisse Einbussen in Kauf nehmen, wenn beispielsweise der gewohnte Lebensstil nicht mehr aufrechterhalten werden kann. «Die Kernfrage dahinter ist: Welche Abstriche können gemacht werden, um im Gegenzug mehr Freiheit oder Entschleunigung zu geniessen?», meint Fürbeth. Erst wenn alle Entscheidungen ausgereift und Abklärungen getroffen sind (unter anderem auch die berufliche Vorsorge), sollte man ein Downshifting in Erwägung ziehen. «Schliesslich ist es ja auch ein Privileg, freiwillig ein Downshifting machen zu können.»

Habt ihr schon mal über ein Downshifting nachgedacht? Erzählt es uns in den Kommentaren.

Von Lara Zehnder am 01.05.2021
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