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  4. John Mayer Current Mood hilft durch die Corona-Angst

Wenn sonst alle durchdrehen …

John Mayer ist mein Fels in der Corona-Brandung

Eine Stimme wie flüssiges Karamell, Hände, die über die Gitarre flattern wie beflissene Schmetterlinge und eine Insta-Show, die strapazierte Nerven mit Zitronen-Lavendel-Tee salbt. Darum habe ich jetzt (fast) jeden Abend ein Date mit John Mayer.

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Kein Mensch weit und breit, John Mayer distanced sich sozial schon ganz brav.

Instagram /johnmayer

«Your Body is a Wonderland» erschien 2002, da war ich 16. Quoll die buttrige Stimme des Interpreten aus dem Radio, summte ich bestimmt mal mit, das gebe ich zu. Was danach (und gab es ein Davor?) so von John Mayer in die empfänglichen Herzen seiner Fans gegossen wurde? Nicht den blassesten Schimmer. Irgendwann gab es Beziehungen mit Jennifer Aniston, Katy Perry und einen dämlichen Männer-Kommentar über Ex-Freundin Jessica Simpson. Nun gut. Worauf ich hinaus möchte: Es hat mich alles nicht die Bohne interessiert.

Schnitt. 2019. Aus irgendwelchen alogrithmischen Gründen hat mir Instagram da ein Video von John Mayer in die Explore-Page geschwemmt. Und seitdem bin ich h-o-o-k-e-d.

John Mayer ist nämlich manchmal einsam. Besonders sonntagabends. Schon allein das macht ihn mir sehr sympathisch. Und weil die Wahrscheinlichkeit, dass es mindestens einem seiner 4.9 Millionen Follower ähnlich geht, sehr hoch ist, hat der siebenfache Grammy-Gewinner ein paar Kuscheltiere an eine Wand genagelt, einen kleinen Neon-Regenbogen in die Steckdose gestöpselt und das Ganze «Current Mood» genannt. Eine Insta-Live-Serie, bei der er viel redet, manchmal singt und ab und zu sogar Gäste empfängt.

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Leider kam irgendwann eine Welttournee dazwischen, «Current Mood» musste pausieren, alle waren wieder einsam. Dann kam Corona. Und John zurück.
Statt ausschliesslich sonntags kann man sich jetzt ganz oft von ihm berieseln lassen. Weil wir alle noch viel einsamer sind als sonst. Er auch. Drum heisst «Current Mood» jetzt «The Gentle Hours» und kümmert sich um unser Seelenwohl. Immer vor dem Einschlafen – weil da ist bekanntlich alles am schlimmsten.
Dann kocht sich John Fucking Mayer einen Zitronen-Lavendel-Tee, nimmt uns alle virtuell in den Arm und sagt Dinge wie:

♡ Wir sollen aufhören, jede einzelne Entwicklung als weitere Hiobsbotschaft zu werten. Statt aus «die Restaurants machen zu … die Bars machen zu … die Clubs machen zu … die Geschäfte machen zu … ich kann nirgends mehr hin» fünf Probleme zu machen, sollen wir sie doch lieber als gesammelte Info in einer Kategorie ablegen. Kein Ausgang, ok. EIN Problem.

♡ Wir sollen nicht jeden Tag genervt darauf warten, dass alles wieder «normal» wird, sondern die Situation als unser neues «Normal» akzeptieren (denn das ist sie nunmal), uns adaptieren und das Beste daraus machen. 

♡ Wir sollen uns nicht gehen lassen, sondern einen strukturierten Tagesablauf beibehalten. Früh aufstehen, duschen, uns anziehen, arbeiten, wenn wir können. Wer allein wohnt, soll mindestens 30 Minuten am Tag telefonieren, um eine richtige Unterhaltung zu führen, statt den ganzen Tag nur Wörter in sein Smartphone oder Laptop zu hacken.

♡ Wir sollen uns bewusst machen, dass das nicht unser bemitleidenswertes Einzelschicksal ist, sondern dass wir ALLE im gleichen Boot sitzen.

♡ Wir sollen nicht vergessen, dass aus «Keine Panik, aber ich habe gehört, dass …» schon ganz bald «Nicht zu früh freuen, aber ich habe gehört, dass …» werden könnte!

Ja, ich fühle mich abgeholt. Und ja, ich kann es kaum erwarten, dass das nächste Mal «John Mayer hat ein Insta-Live gestartet» in meinem Feed aufploppt. Er erzählt da vielleicht nichts, was man mit gesundem Menschenverstand nicht eh längst weiss – aber genau von dem gibt es im Moment gefühlt viel zu wenig. Wo sonst leere Supermarktregale prangen, WC-Papier zum sinnvollsten Überlebenstool erkoren wurde und alle 24/7 nur noch «Ich kann dies nicht, ich darf das nicht, ICH HAB PANIK» motzen, lasse ich mich nur zu gern von John Mayer (John Mayer!!) zum Tee einladen und mir sagen, dass die Welt ganz sicher wieder in Ordnung kommt. 
Schaut doch auch mal rein in «The Gentle Hours», ihr könntet es vertragen, glaubt mir!

Von Laura Scholz am 19.03.2020
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