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  4. Schönheit für alle: So eintönig ist Instagram wirklich

Volle Lippen und Katzenaugen

Laut Instagram gibt es nur ein Gesicht für alle

Die amerikanische Youtuberin Cassey Ho analysierte die 100 erfolgreichsten Frauen auf Instagram und fand dabei erschreckend viele Gemeinsamkeiten. Wir präsentieren: Das wahrscheinlich ödeste Schönheitsideal aller Zeiten. Wollten wir nicht alle tolerant und individuell sein?

Kylie

Kylie Jenner (148 Millionen Follower) entspricht mit den dunklen Haaren und grossen Lippen genau dem eintönigen Schönheitsideal von Instagram.

Instagram/kyliejenner

Body-Positivity, Authentizität und «jeder darf sein, wie er will» – das sind Schlagwörter, die im Jahre 2019 immer wieder durch Instagram flimmern. Quasi wie der wahrgewordene Traum jedes pubertierenden Teenagers. Die Youtuberin Cassey Ho hat genauer hingeschaut: Über zwei Wochen hat sie die Instagram-Profile der 100 meist abonnierten Frauen der Plattform analysiert. Was dabei rauskam, war in etwa so aussergewöhnlich wie der gemeine Influencer selbst (Achtung, Ironie).

22 Merkmale führen zum Schönheitsideal

Verglichen hat Cassey 22 Merkmale, darunter Augen-, Haar- und Hautfarbe sowie Körper- und Gesichtsform. Das Ergebnis: Individualität ist in den sozialen Medien ein Fremdwort. Um uns ihre Erkenntnisse zu demonstrieren, hat Cassey Ho mal eben selbst Hand angelegt, um dem Schönheitsideal zu entsprechen. Das Rezept? Easy! Man braucht: jede Menge Makeup, spitzige Neon-Nägel und Photoshop – dann alles in einen Topf schmeissen – et voilà, geboren ist die Instagram Queen (für Casseys Transformation zweimal nach rechts swipen).

Zugegeben: Die sozialen Medien haben Einfluss. Nicht umsonst heisst der Influencer Influencer. Er bildet Meinungen, lockt, verführt, führt vor, weckt Sehnsucht und Neid. Sein Beruf ist es, den Instagram-Nutzer dazu zu bringen, aussehen und sein zu wollen wie die Person auf dem perfekten Bild – wie die makellose Illusion einer digitalen, gefilterten Welt. Was wir da jagen, ist ein überschminktes Standardgesicht ohne Charakter. Tschüss Natürlichkeit, hallo Make-Up und Photoshop.

Blondinen sind out, Hourglass ist in

Welche Zutaten braucht der Einheitsbrei? Laut Cassey sind blauäugige Blondinen nicht mehr im Rennen. Stattdessen haben über 70 Prozent der 100 analysierten Frauen braune Augen und dunkle Haare. Dicke Lippen und spitzige Goldnäschen haben die Bühne erobert (Kylie Jenner lässt grüssen). Schreit nicht gerade nach Diversity. Das mit der Perfektion erledigt im Zweifel der Doktor.

Natürlich spielt auf dieser Bühne der Schönheit auch die Figur eine wichtige Rolle. Klarer Gewinner: Die altbekannte Hourglass-Form mit ausladendem Po und Vorbau. Doch direkt hinter all den eisdünnen Wespentaillen steigt die Rectangle-Figur empor. Ein Hoffnungsschimmer am Instagram-Horizont? Wohl eher nicht. Die rechteckige Figur steht mit ihrem flachen Beach-Bauch und unendlich langen Beinen (hier wäre dann statt Kylie ihre Schwester Kendall Jenner am Ball) ebenfalls am Rande einer Extremität.

So scrollen wir zwischen Hourglass und Size Zero verwirrt durch die Timeline. Aber das erschreckende kommt erst noch: Unter den Top 100 Insta-Girls sind nur fünf (!) Frauen mit Plus-Size vertreten. Ähm, wie war das nochmal mit #Bodypositivity? Und wo bleibt die gelobte Vielfältigkeit, wenn nur acht Prozent der Frauen dunkelhäutig sind? Lassen wir die Zahlen lieber beiseite, uns wird schon ganz schlecht vor Eintönigkeit.

Wir versuchen es mal mit INDIVIDUALITÄT

So wahnsinnig einzigartig, wie Instagram immer tut, sind wir also nicht (und das schreibe ich jetzt, obwohl ich blond und blauäugig bin). Wehe jemand von euch rennt jetzt zum Friseur und verlangt nach der langen, dunklen Mähne von Ariana Grande (die hat übrigens momentan am meisten Follower).

Wir müssen uns an die eigene Nase fassen, wir sind schliesslich die Follower, die an sich zweifeln. Sind Kylies Lippen dicker als eure? Zum Glück. Hat Kim den knackigeren Arsch? Eurer wird nie platzen. Hat Ariana das schmalere Näschen? Sicher blöd bei Schnupfen. Stattdessen versuchen wir mal etwas ganz Verrücktes: Anders sein. Ja, das soll anscheinend wirklich irgendwie gut tun. Entspannen. Und jetzt noch eine ganz wilde Fantasie: Sich selber mal vorurteilslos schön finden. Na, wie wär's?

Von Lara Zehnder am 16.10.2019