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Post-Lockdown-Anxiety

Warum plagen uns noch immer so viele Ängste?

Ängste, Burnouts, Depressionen – Auch lange nach dem Lockdown leidet die Psyche der Schweizer*innen. Eine Therapeutin klärt auf, woran das liegt und was es braucht, um wieder in den Alltag zurückzufinden.

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Für Manuela Knapp steht fest: «In der Corona-Krise wurde uns die[se] Anonymität zum Verhängnis».

Getty Images

Seit sich Ende Februar 2020 die erste Person offiziell in der Schweiz mit Covid-19 infizierte, hat sich unser aller Leben schlagartig geändert. So müssen wir bis heute nicht nur um die körperliche Gesundheit bangen, auch das psychische Wohlbefinden bleibt knapp eineinhalb Jahre nach dem ersten Corona-Ausbruch bei vielen Menschen auf der Strecke. Selbst nach der Beendigung des Lockdowns, plagen die Bevölkerung Ängste. So fürchtet man etwa noch immer um den Job oder sorgt sich neben der eigenen Gesundheit um die, der Angehörigen.

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Auch wenn es von Aussen nicht unbedingt den Anschein macht: Das Leben vieler steckt tief in der Krise. Während sich ein Grossteil der Schweizer*innen dank wirksamer Impfung wieder an Bars und Clubs erfreut, zieht sich bei anderen nur schon bei dem Gedanken an soziale Situationen alles zusammen. Wir haben die eidgenössische Psychotherapeutin Manuela Shirin Knapp gebeten, uns zu erklären, woher die sogenannte Post-Lockdown-Anxiety kommt.

Für sie ist klar: «Covid hat uns kalt erwischt. Monatelang lebten wir in einer Krise, die mit nichts von dem, was wir vorher erlebt haben vergleichbar ist. Von heute auf morgen waren wir plötzlich täglich mit den Themen Krankheit und Tod konfrontiert. Ob wir wollten, oder nicht.» Durch Bilder aus überlasteten Intensivstationen und Menschen, die allein in Krankenhäusern starben, wurden laut der Therapeutin grosse Unsicherheiten ausgelöst.

«Der Schweiz, ein Land das über ein stabiles Gesundheitssystem verfügt, sind solche Aufnahmen bis dato fremd gewesen – das verstört.»,

so Knapp. Hinzu kommt die Problematik des Lockdowns. Wer allein wohnte, litt unter einer sozialen Abschottung, dessen Ende ungewiss war.

Lockdown ist weg, Ängste blieben
An der schlechten physischen Verfassung vieler, ist für die Therapeutin die moderne Gesellschaft Schuld: «Für uns ist es normal in einer digitalen Welt zu leben. In der Corona-Krise kam uns diese Anonymität zum Verhängnis. Aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung der Kommunikationskanäle reden wir zu wenig direkt miteinander. Zum Beispiel im Tram, im Cafe oder mit den Nachbarn und haben dadurch mit der Zeit sogar verlernt, unsere Gefühle zu verbalisieren – auf eine gute, nicht den Anderen überfahrene Art und Weise.» Das kann langfristige Spuren hinterlassen. Eine Einsamkeitsspirale, die laut Knapp erst in Ängsten, später in Depressionen münden kann.

Reden ist gold
Wer diesem Strudel entkommen möchte, muss lernen sich zu öffnen. Allen, die wegen der überlasteten Institutionen keinen Therapieplatz finden, empfiehlt die Expertin Selbsthilfegruppen: «Zurzeit leiden so viele Menschen unter den Folgen der Pandemie, dass die Praxen völlig überlaufen sind. Viele Betroffene müssen nicht zwingend in eine Therapiestunde kommen, ihnen hilft es bereits, sich überhaupt jemandem anzuvertrauen und über ihre Probleme zu sprechen. Das ist bei der Post-Lockdown-Anxiety unabdingbar».

Von Denise Kühn am 11.09.2021
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