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  4. Zweite Welle und Corona-müde: Das rät der Psychologe

Wie schaffen wir es durch den Winter?

«Anhaltender Stress lässt Hemmungen fallen»

Wir sind Corona-müde und nun kommt die Pandemie mit voller Wucht zurück. Wie sollen wir den Winter überstehen? Prof. Christoph Flückiger erklärt, warum die Nerven jetzt blank liegen und was dagegen hilft.

Mann zieht Pullover über seinen Kopf

Verstecken ist keine gute Entscheidung. «Wir müssen die momentane Situation annehmen», sagt Prof. Christoph Flückiger. 

Getty Images

Style: Die Zahl der Coronainfizierten steigt wieder stark an und die Nerven liegen bei vielen blank. Die häusliche Gewalt nimmt zu und sogar Komiker streiten sich in der Öffentlichkeit. Alles ein Ventil für die momentane Ungewissheit?
Christoph Flückiger: Ja, diese Tendenzen zeichneten sich schon während des Lockdowns ab. So zeigte eine englische Studie, dass der psychische Stress in dieser Zeit um einen Drittel zugenommen hat.

Und aktuell zeigen sich diese Auswirkungen besonders stark?
Genau. Bleibt Stress über längere Zeit bestehen, können auch die Hemmungen fallen und wir schiessen teilweise übers Ziel hinaus. 

So wie es bei Komiker Patrick Frey und Rob Spence wegen eines Streits zur Maskenpflicht passiert ist. Ziemlich peinlich, oder?
Ich finde das gar nicht so peinlich. Im Gegenteil: Wenn wir sehen, dass selbst Komiker ihren Humor verlieren, dann hat das durchaus was Beruhigendes – es geht uns allen gleich. In Zeiten der Ungewissheit, ist es eben besonders schwierig, Distanz zu wahren.

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Was löst Unsicherheit sonst noch aus?
Wir können nicht mehr vorausdenken und wissen nicht, was kommt. Das macht den Alltag wenig vorhersehbar und sorgt für Stress, weil man sich nicht auf eine Situation vorbereiten kann. Wir kennen das auch in normalen Zeiten. 

Haben Sie ein Beispiel?
Wenn ich meinen Kindern ohne Vorwarnung sage, sie sollen sich jetzt schnell anziehen, dann machen sie oft nicht mit. Wenn ich sie vorwarne und ihnen Zeit gebe, klappt es meistens. 

Prof. Dr. Christoph Flückiger

Prof. Dr. Christoph Flückiger, Leiter Allgemeine Interventionspsychologie und Psychotherapie am Psychologischen Institut der Universität Zürich.

ZVG

Dann waren wir zu wenig gut vorbereitet auf eine zweite Welle? 
Möglicherweise. Nach dem Lockdown war einerseits eine Unsicherheit da, andererseits wollten viele von uns wohl einfach mal den Sommer geniessen und die Gedanken an Corona auch etwas auf die Seite schieben. Mit dem Herbst, hält  jetzt aber die Realität Einzug. 

Und das zu einem Zeitpunkt, wo wir alle so richtig Corona-müde sind.
Ja, das neue Coronavirus ist leider nicht verschwunden und auch die Hoffnung auf eine Impfung ging noch nicht in Erfüllung. Das ist schon auch frustrierend.  

Wie schafft man es trotzdem, zuversichtlich zu bleiben?
Ein erster Schritt kann sein, dass wir die Situation akzeptieren. Wenn wir sie ignorieren und nicht darüber sprechen, haben wir keine Chance uns auf die kommenden Monate einzustellen. 

Wie macht man das am besten?
Wenn wir den momentanen Zustand annehmen, haben wir auch die Möglichkeit aktiv damit umzugehen. Ich habe den Eindruck, dass  die Coronasituation grundsätzliche Fragen aufwirft. 

Die wären?
Was will ich im Leben? Die meisten begreifen jetzt, dass es sich bei dieser Pandemie nicht um eine kurzfristige Sache handelt. Das bedeutet auch, dass man längerfristig beginnt zu planen. Viele fragen sich beispielsweise: Wie will ich meine nächsten drei Jahre gestalten? Möchte ich bei der Arbeit so viel Stress? Es gibt momentan einfach sehr viel zu denken. Und so komisch das klingen mag: Möglicherweise werden jetzt fundamentale Fragen ausgelöst, über die wir später einmal froh sein werden. 

Dass alles Schlechte etwas Gutes haben soll, klingt allzu einfach. Was ist denn mit der allgegenwärtigen Angst. Ist die etwa auch gut?
In gewissem Masse schon. Sie schützt uns und unsere Liebsten. Wer das Virus ignoriert, lebt nicht besser und gefährdet sogar andere.  

Was stärkt die Psyche?
Beispielsweise etwas Ruhe in das Chaos zu bringen. Das können regelmässige Tagesstrukturen oder Rituale sein. Wer sich einsam fühlt, sollte mit Freunden sprechen und ganz wichtig: Man darf sich nicht zu schade sein, Hilfe anzunehmen. 

Eine gesellschaftliche Herausforderungen sind die Weihnachtstage. Wie bereiten wir uns am besten darauf vor? 
Wenn wir es wie jedes Jahr machen, dann wäre das kurzfristig einfach, längerfristig könnte es aber zu Ansteckungen kommen. Es ist an der Zeit, dass Familien miteinander sprechen und sich gegenseitig fragen: Was willst Du? Es ist auch eine Chance, über Traditionen zu diskutieren. Vielleicht braucht es kein Fest, um den Zusammenhalt zu stärken.

Haben Sie einen Geheimtipp?
Ein Anruf hat noch nie jemandem geschadet. Auf diese Weise kann man Beziehungen sogar intensivieren. Weihnachten sind mit Erwartungen verbunden und oft gibt es Streit. Vielleicht sind dieses Jahr auch manche froh, dass sie an Heiligabend ohne schlechtes Gewissen vor dem TV sitzen können (lacht).

Mehr Tipps findet ihr auf der FSP-Homepage, Dachorganisation der in der Schweiz tätigen Psychologinnen und Psychologen.

 

Wie schafft ihr es, positiv durch den Winter zu kommen?

Von lm am 16.10.2020
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