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Paare erzählen …

Liebe im Lockdown

Corona hat Paare brutal getrennt – oder noch enger zusammengeschweisst. Die Krise hat bestehende Gefühle vertieft – und neue aufkeimen lassen. Vier Liebesgeschichten, wie sie nur das Virus schreiben konnte.

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Frisch vereint: Ferenc Süket & Jasmin Pfister.

Ellin Anderegg

Ist es zynisch, einer Krise etwas Positives abzugewinnen? Ist es zynisch, wenn ich sage, dass ich mich Corona sei Dank verliebt habe? Dass ich mich Quarantäne sei Dank ganz auf meinen neuen Partner konzentrieren konnte? Und dass wir Home Office sei Dank wochenlang auf der Honeymoon-Wolke schweben durften?

Corona hat die Welt durchgeschüttelt. Menschen sind gestorben, Existenzen wurden zerstört, nie da gewesene Ängste haben uns den Schlaf geraubt und unseren Alltag verändert. Für Beziehungen wurden Social Distancing und Lockdown zum Prüfstein. Das pausenlose Zusammenleben auf engstem Raum wurde zum Katalysator für Konflikte, häusliche Gewalt, Trennungen. Aber: Corona hat auch frische Liebe aufkeimen und bestehende wachsen lassen. Die konstante Nähe ist ein Nährboden für Gefühle. Was im Kollektiv als Katastrophe wahrgenommen wurde, ist für Einzelne ein Glücksfall. Muss man deshalb ein schlechtes Gewissen haben? Wie haben andere Liebespaare diese intensive Phase erlebt?

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SI_Liebe_Corona_Jasmin Pfister und Ferenc Süket

Eine Liebe am Grenzzaun: Wegen Corona mussten Jasmin Pfister und Ferenc Süket getrennt leben.

Ellin Anderegg

Angefangen hat alles vor etwas mehr als zwei Monaten. Mitte März verkündet der Bundesrat den Lockdown. Praktisch über Nacht müssen wir uns zu Hause neu einrichten. Unsere Kontakte auf ein absolutes Minimum reduzieren. Uns auf nicht absehbare Zeit von Freunden, Familie, geliebten Menschen verabschieden. «Das Schlimmste war die Ungewissheit», sagen Jasmin Pfister und Ferenc Süket unisono. Sie ist 21, er 20. Ihre junge Liebe wurde von den Corona-Massnahmen besonders hart getroffen, denn Jasmin lebt in Deutschland und Ferenc in der Schweiz. Seit einem Jahr sind die beiden zusammen, werfen sich immer wieder gedankenverloren Blicke zu, als sie Hand in Hand zur grünen Grenze zwischen Riehen und Lörrach gehen. «An dieser Stelle haben wir acht Wochen lang eine Beziehung auf der Picknickdecke geführt», sagt Jasmin. Nähert sich einer der patrouillierenden Grenzwächter, springen die Verliebten auf und halten eineinhalb Meter Abstand, um nicht gebüsst zu werden.

«Es war eine absurde Situation. Wir waren ständig in Angst und fühlten uns beobachtet. Privatsphäre gab es keine», erinnert sich Jasmin. Bei Schlechtwetter bleiben den beiden nur Videotelefonate. Ein schwacher Trost. «Manchmal konnte ich einfach nur weinen», sagt Jasmin. Baldmöglichst möchte sie in der Schweiz Arbeit finden und bei Ferenc wohnen. Sie hat Angst vor einer zweiten Welle. «Obwohl ich jetzt weiss, dass unsere Liebe stark genug ist, um auch dies zu überstehen.» Dass sie bei der Einreise immer wieder abblitzten, während sich verheiratete Grenzgänger-Paare besuchen durften, leuchtet den beiden nicht ein. «Das ist Diskriminierung. Ein Ehemann kann seine Ehefrau genauso mit Corona infizieren wie ein Freund seine Freundin», sagt Student Ferenc.

«Die Isolation hat uns gezeigt, wie schön das Zusammenleben ist»

Stijn Depoorter und Roman Heggli
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Frisch zusammengezogen: Roman Heggli & Stijn Depoorter.

Ellin Anderegg

Wäre Stijn Depoorter, 36, planmässig nach Zürich gereist, wären er und sein Freund Roman Heggli, 29, mit denselben Problemen konfrontiert. «Weil wir mit einer Verschärfung der Massnahmen gerechnet haben, verlegten wir den Besuch nach vorne. Drei Tage später waren die Grenzen dicht», erzählen die beiden in ihrer WG-Küche im Zürcher Kreis 5. Stijn ist immer noch hier. Aus einem Wochenende sind mehr als zwei Monate geworden. «Zum Glück haben mir Freunde aus Belgien inzwischen ein paar Sachen geschickt, sonst wären mir die Kleider ausgegangen», lacht Stijn. Seine zwei Katzen sind noch in der alten Heimat. Im Juli gibt es auch mit ihnen ein Wiedersehen. Dann zieht das Paar in eine gemeinsame Wohnung in Luzern.

«Ohne Corona wäre es sicher nicht so schnell gegangen», sagt Roman, der Geschäftsführer bei der Schwulenorganisation Pink Cross ist. «Wir haben in dieser Zeit gemerkt, wie schön das Zusammenleben ist – auch unter speziellen Bedingungen.» Von der Fernbeziehung direkt in die Isolation quasi: «Das war auf jeden Fall ein Beziehungstest», sagt Stijn, der aus dem Home Office ein LGBTIQ-Magazin leitet. Nur eine Sache bereitet ihm beim Gedanken an den Umzug Bauchweh: «Als schwuler Mann habe ich in Belgien deutlich mehr Rechte als in der Schweiz, wo Ehe und Adoption noch immer nicht allen zugänglich sind.»

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Morgenkaffee auf der Dachterrasse: Wegen Corona sind Stijn Depoorter und Roman Heggli (r.) zusammengezogen.

Ellin Anderegg
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Frisch verliebt: Tanja Staub & Mark Meier.

Ellin Anderegg

«Wir waren in einer besonderen Situation füreinander da. Das schweisst zusammen»

Tanja Staub und Mark Meier

Dass Corona bei ihrer Beziehung den Zeitraffer einlegte, erlebten auch Tanja Staub und Mark Meier. Als die Schweiz ihre ersten Corona-Fälle zählt, haben die beiden 30-Jährigen ihr erstes Date. Mitten in der Kennenlernphase kommt der Lockdown. «Da blieb gar keine Zeit, um lange zu zweifeln. Es war klar, dass wir es zusammen probieren», erinnert sich die gebürtige Thurgauerin, die inzwischen in Bern lebt. In der Vergangenheit sei sie Beziehungen lieber langsam angegangen. «Aber wenn man keine Ablenkung hat und keine anderen Menschen trifft, wird es sehr schnell sehr intensiv.»

Sport, Hobbys, Freunde, Arbeit, Familie – jetzt ist die grosse Frage, wie sich die frische Liebe mit dem normalen Alltag in der Nach-Lockdown-Zeit verträgt. «Wir haben eine ganze Liste mit Dingen erstellt, die wir noch nicht gemeinsam erleben konnten», erzählt Mark. So Simples wie ein Abendessen im Restaurant stehen darauf. Dass ihre Liebe den Realitätscheck nicht bestehen könnte – darüber machen sich die zwei keine Sorgen: «Uns kann nichts mehr aus der Bahn werfen. Wir waren in einer besonderen Situation füreinander da. Das schweisst zusammen», sind sie überzeugt. Schon bald steht das erste Treffen mit den künftigen Schwiegereltern an.

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Neue Flamme: Tanja Staub und Mark Meier haben sich während des Lockdown kennen – und lieben gelernt.

Ellin Anderegg
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Frisch verheiratet: Bojan Zähner & Irina Rota.

Ellin Anderegg

Irina Rota und Bojan Zähner haben dies längst hinter sich. Mitten im Wonnemonat Mai haben die beiden geheiratet – trotz Corona. «Es stand nie zur Debatte, dass wir unseren Termin beim Standesamt absagen», sagt der 35-jährige Servicetechniker für Heizungen. Irinas Mutter wird kurzerhand zur Hochzeitsfotografin ernannt und darf so bei der Trauung dabei sein. Die weitere Verwandtschaft ist per Video zur sechsminütigen Zeremonie zugeschaltet. «Und den Apéro haben wir in Etappen bei uns zu Hause abgehalten», erzählt Irina, 30.

Anfang Jahr erst sind die beiden Ostschweizer in ihren Einfamilienhaus-Traum im zürcherischen Unterstammheim gezogen. Im Garten üben sie für den Hochzeitstanz. Denn die grosse Feier Mitte Juli mit 50 Gästen soll wie geplant stattfinden. Auch Bojans Eltern können die Anreise aus ihrer Wahlheimat Sardinien antreten. «Wir lassen uns von keinem Virus unsere Hochzeit verderben und werden mit umso mehr Freude auf diesen besonderen Tag zurückblicken», finden die beiden Pragmatiker.

Kann es wirklich zynisch sein, wenn Paare glauben, sie gingen gestärkt aus der Corona-Krise hervor? Nein. Zynisch wäre es höchstens, ihnen zu unterstellen, dass es nicht so sein kann.

SI_Liebe_Corona_Irina Rota und Bojan Zähner

Gereifte Liebe: Irina Rota und Bojan Zähner haben sich während des Lockdown das Jawort gegeben.

Ellin Anderegg
Von Marlies Seifert am 31.05.2020
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