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Instagram gelöscht

Mein Leben war gefühlt für 5 Minuten vorbei

Als 21-Jährige verbringt Redaktorin Lara viel Zeit in den sozialen Medien. Doch auf einen Schlag ist plötzlich alles gelöscht – und dann nach 5 Minuten wieder da. In dieser kurzen Zeit ist viel passiert. Und gleichzeitig nichts.

Unbekannte Person tippt am Handy auf Social Media rum

Social Media ist für Redaktorin Lara zu einem wichtigen Bestandteil des Alltags geworden.

Getty Images/EyeEm

Es war ein Versehen! Ich wollte das nicht! Niemals, niemals, niemals hätte ich das freiwillig getan. Wie dumm kann man denn bitte sein? Ich renne panisch durch das Wohnzimmer. Meine Mutter kommt besorgt herbei und fragt, was denn geschehen sei. «Ich habe versehentlich meinen Instagram-Account gelöscht», schreie ich ihr entsetzt entgegen (sorry dafür, Mama). Tatsächlich wollte ich einen alten Account löschen, hatte aber meinen jetzigen erwischt. Verwirrt schaut sie mich an: «Das ist alles? Mein Gott, ich dachte, es wäre jemand gestorben.» Ganz unrecht hat sie damit nicht. Für das Internet bin ich jetzt ja quasi tot. Mein Account ist gelöscht – und ich dementsprechend verzweifelt.

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Mein Account gleicht einer Bewerbungsmappe

Für viele mag ich jetzt als übertrieben dramatische 21-Jährige rüberkommen. Aber in dieser Angelegenheit ist das Drama definitiv gerechtfertigt. Schliesslich reden wir hier von meinem Instagram-Account. Mein digitales Fotobuch. Mein Online-Portfolio. Mein privates sowie berufliches Netzwerk, das ich mir aufgebaut habe. Und mein Zugang zu meinem Sozialleben und dem von Freunden, Kollegen und den Kardashians. Mein Instagram-Account gleicht einer Bewerbungsmappe: Einfach und unkompliziert vermittelt er einen Überblick über das von mir bisher Erlebte, gibt anhand von Sprüchen und Darstellung einen Einblick in meine Persönlichkeit. Obendrauf gebe ich mir ziemlich Mühe, dass das Ganze einigermassen ansprechend daher kommt.

Und jetzt stellt euch mal vor, jemand löscht eure mühevoll gestaltete Bewerbungsmappe. Sch**sse, oder? Naja, immerhin könnt ihr innerhalb von ein paar Stunden eine neue machen. Da ist das Abonnenten-System von Instagram, das mich privat und beruflich weltweit vernetzt, wesentlich komplizierter. Ein Netzwerk aufzubauen – ob on- oder offline – dauert Jahre. Ist das alles per Knopfdruck plötzlich weg, erscheint mir ein kurzer Nervenzusammenbruch mit folgenden Whatsapp-Nachrichten an meine beste Freundin doch relativ angemessen:

Whatsapp Chatverlauf Instagram Account gelöscht

Originaler Chatverlauf von Redaktorin Lara während der Minuten des Schreckens.

Lara Zehnder

Braucht man so viele Informationen überhaupt?

An der Reaktion meiner gleichaltrigen Freundin – die mich übrigens auf Englisch dazu auffordert, erstmal durchzuatmen – sieht man, dass ich bei Weitem nicht die Einzige bin, die ohne Instagram erstmal durchdreht. Ehrlich gesagt hatten ALLE meine Freund*innen vollstes Verständnis für meinen Ausraster. Für viele von uns ist Instagram nämlich die Informationsplattform schlechthin geworden. Und ich spreche hier nicht nur von klassischen News, sondern auch Informationen zu Veranstaltungen und Personen. Ich hole mir auf Instagram ganz bequem jegliche Info zu jeder Zeit. Und trotzdem drängt sich mir plötzlich die Frage auf: Ist das wirklich nötig? Brauche ich so viele Informationen überhaupt?

Nein, eigentlich nicht. Das Verarbeiten all der Informationen macht müde und kreiert die berühmt berüchtigte FOMO. Ausserdem raubt es mir mein kostbarstes Gut: Zeit. Während sich die Erde so dreht und Tage vergehen, hocke ich stundenlang rum und erlebe online wahnsinnig aufregende Sachen, in Tat und Wahrheit sitze ich aber einfach nur da. Dabei sind die spannendsten Momente im Leben diejenigen, die ich tatsächlich erlebe. Ich meine dann, wenn man so richtig physisch anwesend ist – nicht in einem Bildschirm. Es sind Erlebnisse, bei denen ich aktiv Erfahrungen sammle, die mich prägen. Die kann ich nicht auf Knopfdruck löschen, denn sie bleiben für immer in meinem Kopf.

Der Account ist zurück und mit ihm eine Erkenntnis

Meinen Instagram-Account versehentlich zu löschen, ist dennoch auch eine sehr prägende Erfahrung. Glücklicherweise ist er, nachdem ich mein gesamtes Umfeld mit Nachrichten bombardierte und mir eine Kollegin freundlicherweise erklärte, dass der Account nicht gelöscht, sondern nur deaktiviert ist, wieder da. Und mit dem Account auch die Erkenntnis: Im Internet war ich zwar für fünf Minuten tot, aber die Erde hat sich weitergedreht. Die hat gar nicht gemerkt, dass da irgendeine 21-Jährige kurz offline war. Mein Fazit also: Ich will die digitale Welt nicht einfach löschen, aber auch nicht mein ganzes Leben in ihr verbringen. Schliesslich wird man selbst mit der allerbesten Bewerbungsmappe noch zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch eingeladen, oder?

Jetzt mal ehrlich: Wie wäre es euch in dieser Situation ergangen? Und haltet ihr die Reaktion von Redaktorin Lara für menschlich oder total übertrieben? Erzählt es uns in den Kommentaren.

Von Lara Zehnder am 02.12.2020
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