1. Home
  2. Body & Health
  3. Girl Talk
  4. Kritik beim Sex: Wie Kink-Shaming sexuelle Hemmungen schafft

Kritik beim Sex

Wie Kink-Shaming sexuelle Hemmungen schafft

Wer mit dem Partner im Bett was Neues ausprobieren will und dafür beschämt wird, dem vergeht die Lust aufs Vergnügen. Woher das kommt, wie man damit umgeht und was Netflix damit zu tun.

Placeholder

Wer im Bett belächelt wird, dem entgeht das authentische Vergnügen.

Getty Images

In einer Zeit, in der Klimawandel und Rassismus vor lauter Pandemie-Infizierten in den Nachrichten untergehen, ist der Aufenthalt unter einer kuschelig ungefährlichen Bettdecke wie Urlaub. Und Urlaub will man geniessen. Am liebsten in Gesellschaft. Deshalb toben wir auch mal zu zweit durch die Laken. Da flüchtet man in die Welt der Sinne, gibt sich seinen verrücktesten Fantasien hin und kann ganz unkompliziert abschalten. Naja, nicht immer.

Seit Netflix im Streifen «365 Days» zeigt, wie wild es im Bett zu- und hergehen kann, fragen sich so manche, ob ihre Vorstellung von Erotik komplett zurückgeblieben oder gar verklemmt ist. Oder ob sie ihren lang geheimgehaltenen Wunsch nach Sadomasochismus endlich ausleben sollten. Kein Wunder: Der Mafia-Beau, der im besagten (und mittlerweile weltweit berühmten) Film eine junge Frau entführt und sie zwingen will, sich in ihn zu verlieben, lässt «Fifty Shades of Grey» wie ein harmloses Techtelmechtel dastehen. Wie gesagt: wild.

Mehr für dich

Der Druck und die Erwartungen steigen

Mittlerweile hat der Grossteil der Menschheit mindestens einen solcher Kino- oder Netflix-Hits aka Softpornos gesehen und damit unbewusst gewisse Erwartungen ans (eigene) Sexleben geweckt. Die darf man natürlich haben, man muss sich schliesslich nicht völlig unzufrieden zufriedengeben. Doch der Druck, dem oder der Sexpartner*in gerecht zu werden und gleichzeitig authentisch zu bleiben, steigt. Und obendrauf gibt es dann auch noch die kaltherzige Sorte Mensch, die die sexuellen Fantasien anderer kritisiert oder gar belächelt. Kink-Shaming, nennt sich das.

Der Begriff wird zusammengesetzt aus dem englischen Wort «kink» – zu Deutsch: Tick – und dem allseits bekannten «shaming», beschämen. Er bezeichnet das Kritisieren der sexuellen Vorlieben anderer und den Versuch, jemanden für das, was er im Bett gerne tut, in Verlegenheit zu bringen. Und genau das tun Kink-Shamer*innen, wenn sie ein Rollenspiel, eine Stellung, oder einen Fetisch des anderen als absurd deklarieren.

Mehr Aufmerksamkeit, mehr Shaming

Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass Sex noch nie so offen und ehrlich thematisiert wurde wie in der heutigen Zeit. Dass Kink-Shaming mal wieder nur eine hypersensible Erfindung der heute eh schon hypersensiblen Gesellschaft ist. Doch was viel Aufmerksamkeit kriegt, wird auch viel kritisiert, bewertet und verurteilt. 

Versteht uns nicht falsch: Meinungen sind gut. Aber Offenheit ist besser. Ihr dürft natürlich denken, dass das vom Partner vorgeschlagene Rollenspiel absolut daneben ist. Aber ihn oder sie dafür shamen? Das geht zu weit. Das Problem dabei ist nämlich, dass ihr nicht nur die Fantasien des anderen zerstört. Vielmehr beraubt ihr den anderen seiner sexuellen Authentizität. Die Hemmungen des oder der Kritisierten werden grösser, die Lust geht baden. Man verstellt sich, um den Ansprüchen und Vorstellungen des oder der anderen gerecht zu werden.

Respektvoll ehrlich sein

Was also tut man, wenn man Vorlieben und Verhalten des anderen nicht mag? Kommunizieren. Ehrlich und ungehemmt, aber immer respektvoll. Und mit viel Verständnis. Schliesslich wollt ihr ja auch, dass man so mit euch umgeht. Denn egal, wie und wo es der Mafia-Beau im Netflix-Streifen getrieben hat, ihr entscheidet, wo eure Grenzen liegen. Und ihr entscheidet, wie ihr diese kommuniziert. Deshalb nicht vergessen: Authentisch bleiben. Und respektvoll.

Von Lara Zehnder am 04.09.2020
Mehr für dich