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  4. Interview mit Schweizer Musiker Seb Lorez

Schweizer Newcomer

Seb Lorez hat Ahnung von Musik – und Blumen

Noch nie von Seb Lorez gehört? Das dürfte sich bald ändern. Der junge Popmusiker mit kolumbianischen Wurzeln ist bei einem grossen Plattenlabel unter Vertrag – und so was von parat für die Bühne. Ein Hausbesuch.

Seb Lorez Popmusiker Stillleben mit Muse und Musik

Fingerzeig: In der Küche hängt Seb Lorez’ Lieblingsbild, ein Geschenk seiner Freundin, davor Rittersporn in seiner Lieblingsfarbe Blau.

Yves Suter

«Ihr könnt kommen, wann immer es euch am besten passt. Ich bin daheim», meint Seb Lorez mit leiser Lakonie am Telefon, als wir einen Termin für unser Shooting bei ihm vereinbaren wollen. Ihm geht es wie so vielen Musikern und Bühnenkünstlern in dieser seltsamen Zeit: Konzerte und Festivals sind abgesagt, sie sitzen zu Hause und hoffen, dass der Spuk bald mal vorbei ist und sie endlich wieder das tun können, was ihr Job ist: vor Publikum zu stehen, die Menschen zu unterhalten, sie mit ihrer Kunst zu berühren und zu bewegen.

Das Privé-Team trifft sich also an einem heissen Montagmittag im Juni in der ruhigen Strasse in Zürich Wiedikon, wo der 27-Jährige wohnt, gemeinsam steigen wir die Treppe bis zur obersten Etage im gutbürgerlichen Haus hoch und klingeln. Sofort wird uns geöffnet, und im Türrahmen steht – huch – Johnny Depp! Also die junge Ausgabe des Schauspielers, bevor er ein Hollywoodstar mit entsprechenden Allüren wurde.

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Der Johnny Depp mit mittig gescheiteltem, dunklem Wallehaar und melancholisch umflortem Blick aus dem Film «What’s Eating Gilbert Grape» von 1993. Während ich noch versuche, meine Verblüffung über das Déjà-vu zu verkraften, bittet uns Sebastian Lorez («Einfach Seb, alle nennen mich so») in sein Daheim.

Jetzt folgt die nächste Überraschung: eine sehr aufgeräumte, gemütliche Wohnung voller frischer Schnittblumen und prächtiger Zimmerpflanzen sowie einige Designklassiker und nicht etwa die untermöblierte, vernachlässigte Bleibe eines aufstrebenden Musikers, der auf Komfort und Konventionen pfeift.

Style: Wow! Sie haben extra für unseren Fototermin die Woh­nung aufgeräumt, gepützelt und Unmengen Blumen besorgt. Beeindruckend!
Seb Lorez: Nein. Das sieht immer so aus bei mir, ich mags ordentlich und sauber und gemütlich. Ausserdem bin ich erst vor zwei Wochen hier eingezogen. Vor vier Jahren schon hatte ich mich für diese hübsche Genossenschaftswohnung beworben, und dann bekam ich im Frühling plötzlich den Zuschlag. Der grosse Aufsteller im Lockdown! Zeit, alles auszupacken, die Möbel zu platzieren, hatte ich ja genug. Und nicht die geringste Lust, lange in einem Chaos zwischen Umzugskisten zu leben, jetzt, wo ich vermehrt daheim bin. Übrigens mein erstes eigenes; vorher habe ich in WGs gelebt. Das war okay, aber das Alleinsein geniesse ich nun schon sehr. 

Sie sind als Musiker zur Untätig­keit verdonnert. Leiden Sie darun­ter, nicht auftreten zu können?
Ja, natürlich bedaure ich sehr, nicht an Konzerten zu sein, den Groove des Publikums zu spüren, der so süchtig macht. Untätig war ich aber diese letzten Monate nicht. Ich habe an Melodien und Texten für neue Songs gefeilt und war täglich in meinem Übungslokal. Und auch im Studio. Anfang August erscheint meine neue Single namens «I Hope You Know». Da steckt viel Arbeit drin, auch wenn man das nicht sieht.

Seb Lorez Popmusiker Stillleben mit Muse und Musik

Den Schatz im Arm: Seb und seine Gitarre auf dem Balkon, der auf einen lauschigen Hinterhof geht.

Yves Suter

Dreht sich dieser Song wieder um die Liebe, wie die vier davor?
Ich denke schon. Aber es soll jeder das heraushören, was er will. Die Liebe ist eben das Thema, das uns alle am meisten beschäftigt. Immer. Egal, ob man glücklich oder unglücklich verliebt ist. Und in wen oder was. It’s all about love!

Was ist zuerst da von einem Song: die Melodie oder der Text?
Meist die Melodie. Ich habe eine Idee im Kopf, improvisiere dazu auf der Gitarre herum, singe dazu erst mal lalala. Der Text kommt dann später hinzu. Das ist ja das Schöne an der Musik: Es gibt keine Regeln, nur das Gefühl zählt.

Seb Lorez Popmusiker Stillleben mit Muse und Musik

Angerichtet: Früchte in hübschen Schalen sind immer auf dem Küchentisch zum Naschen bereit, sein Notizbuch voller Ideen für Songs vervollständigen das Arrangement.

Yves Suter

Macht Sie Corona brotlos?
(Lächelt eines dieser berühmten Junger-Johnny-Depp-Smiles.) Nein, ich lebe ja nicht von der Musik. Irgendwann hoffentlich schon; ich setze alles daran und gebe mir bis dreissig Zeit dazu. Auch wenn ich genau weiss, wie schwierig das in der Schweiz ist. Aber meine Brötchen und die Butter drauf verdiene ich seit gut einem Jahr mit einem Teilzeitjob als Disponent bei einem Online-Blumenversand. Ich plane da die Routen für die Ausfahrer. Und weil die Menschen im Lockdown ganz wild waren auf frische Blumen, hatten wir in dieser Zeit echt viel zu tun.

Daher also die Blumenpracht in jedem Ihrer Zimmer?
Ja, ich nehme meine Arbeit gern mit nach Hause (wieder erblüht dieses Lächeln in den Mundwinkeln). Ich mag Blumen sehr, sie bringen doch Farbe und Leben in die Räume.

Seb Lorez Popmusiker Stillleben mit Muse und Musik

Blumenschmuck: Durch seinen Teilzeitjob sitzt Seb Lorez an der Quelle zu frischen Blumen. Überall in seiner Wohnung blühts und spriessts.

Yves Suter

Sie scheinen den grünen Daumen zu haben, so gut wie Ihre Zimmer­ pflanzen zwäg sind. Verraten Sie uns Ihr Geheimnis?
Ich rede zwar nicht mit ihnen, aber ich spiele ihnen täglich was auf der Gitarre vor. Das scheinen sie zu mögen. Die Monstera im Schlafzimmer begleitet mich jedenfalls schon seit Jahren. Sie ist das Wohnaccessoire, das am längsten in meinem Besitz ist. Mein treuster Fan.

Und wie kommt ein Musiker, der noch keine LP draussen hat, zu den schönen Designmöbeln?
Also der Tulip-Tisch in der Küche ist leider nicht das Original von Saarinen, sondern eine Kopie von Ikea... Und der Spaghetti-Stuhl auf dem Balkon stammt aus Kolumbien, von Indigenen gefertigt. Mein Vater hat den mit nach Hause gebracht, als wir von Südamerika nach Basel zogen. Meine Mutter ist Kolumbianerin, ich bin drei Jahre lang da aufgewachsen. Die Designstühle verdanke ich meiner Schwester, sie führt ein Inneneinrichtungsgeschäft.

Seb Lorez Popmusiker Stillleben mit Muse und Musik

Le Grand Bleu: Für die Werke von Henri Matisse hat er ein Faible, darum ziert «Jazz» die Sofaecke im Wohnzimmer.

Yves Suter

Wurde Ihnen die Musik denn indie Wiege gelegt?
Ja. Mein Vater spielte Cello, meine Mutter hörte den ganzen Tag Radio. Das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. In der Schule lernte ich Block- und Altflöte, später Schlagzeug. Mit vierzehn gründete ich meine erste Band und wurde dann der Frontmann von Tower Seven, also Sänger und Gitarrist. Zwei Jahre hatte ich Gesangsunterricht, das Gitarrenspiel habe ich mir selber beigebracht. Als Schulband spielten wir Punkrock, coverten Metallica, Mötley Crüe und Guns N’ Roses. Wegen musikalischer Differenzen flog ich bald aus der Band, musiziert habe ich aber immer. Das ist mein Leben.

War Ihre Familie nicht skeptisch, als Sie ihr mitteilten, dass Sie
Ihr Glück als Popmusiker versu­chen wollen?

(Ein schiefes Lächeln.) Es gab natürlich viele Diskussionen darum – wer würde seinem Teenager schon zu einer Musikerkarriere raten?! Und ich studierte dann Soziologie...

...auch nicht eben ein aussichtsreiches Fach...
...und Betriebswirtschaft. Bis zum Bachelor. Dann habe ich mit Auftritten in Bars und Cafés angefangen, eine gute, wenn auch harte Schule. Da hört einem eigentlich kaum jemand zu, die Leute wollen reden, nicht zuhören. Aber ich habs durchgezogen. Und vor eineinhalb Jahren hats dann geklappt bei Universal Music Switzerland, wo ich jetzt unter Vertrag bin. Zusammen mit Grössen wie Bligg, Stress, Stephan Eicher, Sophie Hunger, Jeans for Jesus, Hainan.

Seb Lorez Popmusiker Stillleben mit Muse und Musik

Schaulager: In den Körben des Sideboards wird verstaut, was weniger dekorativ ist, obendrauf arrangiert der Musiker Bücher, Hefte und Platten.

Yves Suter

Wenn Sie einen Wunsch bei der guten Fee frei hätten, mit wem würden Sie gern mal auftreten?
Egal mit wem oder als Pre-Act, ich würde einfach gern wieder mal auftreten! Aber in diesem Sommer, wo alle Festivals abgesagt sind, bleibt das ein frommer Wunsch. Mit Juanes, meinem Landsmann, auf einer Bühne zu stehen, wäre aber schon eine Riesensache für mich.

Noch mehr Wunschträume: Wo möchten Sie mal auftreten?
Am Montreux Jazz Festival dabeizusein, wäre mega. Oder in der Royal Albert Hall. Nein, jetzt weiss ichs: Einmal im Leben den Letzigrund zu füllen, vor so vielen Leuten ein Heimspiel zu geben, den Groove zu spüren – davon träume ich. Darauf hin arbeite ich. Und gebe mir dafür noch ein paar Jährchen...

Von Anita Lehmeier am 23.08.2020
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