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  4. Brustwarzen in der Mode: Früher normal, heute nur ein Stück weit

Vom Hingucker zur Anstössigkeit

Die Geschichte des Nippels in der Mode

Alle Menschen haben sie. Die meisten zwei. Einige weniger, einige mehr. Dafür, dass sie so normal sind, bieten besonders die weiblichen Exemplare ziemlich viel Skandal-Potential. Doch das war nicht immer so: Das ist die Geschichte des Nippels, von damals bis heute.

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Bella Hadid hält nicht viel von BHs. Muss sie auch nicht. Sie hat «Fashion Tits».

BuzzFoto via Getty Images

Hand hoch, wer gerade im Home Office sitzt und einen BH trägt! Ist euer Arm immer noch unten? Jap, sieht hier genau so aus. Es fühlt sich schliesslich gut an, nicht täglich mit pieksenden Metallbügeln unter der Brust herumzulaufen, die unangenehme Druckstellen verursachen, die niemand gebrauchen kann. Trotzdem tun wir es immer noch fast täglich (also, üblicherweise, wenn wir unseren heimischen Schreibtisch auch mal verlassen). Wieso eigentlich? Um den Standards in der Gesellschaft gerecht zu werden? Nicht jedem Dahergelaufenen unsere Nippel zu präsentieren? Weil Instagram sie immer noch zensiert? Das einzige, was sicher ist: Natürlich ist diese Scheu nicht. Früher sah das nämlich mal ganz anders aus.

Agnès, du Rebel!

Kurze Zeitreise ins 15. Jahrhundert: Agnès Sorel war in der Blütezeit ihres Lebens und wurde von Charles VII offiziell zu seiner Mätresse erkoren, inklusive allen Rechten am Hof. Sie war ausserdem sowas wie die Bella Hadid von 1444 – eine Trendsetterin, die ihren Nippeln gern besondere Aufmerksamkeit bei der Wahl ihrer Outfits zukommen liess. Sie trug ihre Korsetts obenrum gern ungeschnürt, sodass der Blick auf ihre Brüste frei lag. Das war zwar frech, sorgte damals aber noch für weitaus weniger Aufmerksamkeit, als die Tatsache, dass sie es sich erlaubte, ein Collier mit Diamanten um den Hals zu tragen (das war nur Königen gestattet). Mit ihrem Nippel-Fokus setzte sie dafür einen Trend, dem viele folgten.

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Agnès Sorel lebte nach dem Motto «Zeig was du hast!».

ullstein bild via Getty Images

Der Nippel am königlichen Hofe

Drei Jahrhunderte später war es erneut wahnsinnig hip, Nippel zu zeigen. Aber nicht etwa auf dem Land oder in der Kneipe, wo denkt ihr hin! Mode war etwas, dass den Adligen am Hofe vorbehalten war. Wer es sich leisten konnte, stolzierte mit tief geschnürten Korsetts, die UNTER den Nippeln endeten, zum Bankett. Allen voran Gabrielle Émilie Le Tonnelier de Breteuil, Marquise du Châtelet-Laumont. Sie war ziemlich clever, gebildet in Philosophie und Mathematik, die Mätresse von Voltaire und hatte eine Schwäche für Rouge. Auf ihren Nippeln. In Kleider gepackt, aus denen sie oben heraus schauten, wurden sie perfekt in Szene gesetzt. Wer nicht so der Blush-Fan war, konnte auch auf kunstvoll geformte und kristallbesetzte Ringe zurückgreifen, die um die Brustwarzen gelegt wurden. Très chic.

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Gabrielle Émilie Le Tonnelier de Breteuil, Marquise du Châtelet-Laumont – das ist ihr voller Name inklusive Titel. Sie war Mathematikerin. Und sie zeigte gern ihre Nippel.

De Agostini via Getty Images

1780 kam der offene Nippel langsam aus der Mode und die Kleider reichten höher. Napoleons Schwester, Pauline Bonaparte, hielt allerdings nicht viel von der neuen Mode und trug statt engen Korsagen gern transparente Kleider, um dem Hof etwas zu Reden zu geben. Dem Rouge-Trick ihrer Vorgängerinnen blieb sie dennoch treu. Aber sie war damit eine der Letzten.

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Pauline Bonaparte setzte statt auf die Korsage lieber auf ein frühes Naked Dress.

Heritage Images/Getty Images

Weg mit der Brustwarze!

Die Trends die folgten, fokussierten sich vor allem auf eins: die Nippel zu verdecken. Nach Möglichkeit komplett und das nicht nur farblich, sondern auch so, dass keine Form mehr zu erkennen war. Das heisst: Insofern man eine Frau war. Männer durften sich ab sofort umso lieber oben ohne zeigen.
War der Körper trainiert, schaute man gerne hin. Wenn nicht, dachte man sich nichts weiter dabei. Die Männer zogen also blank und wir begannen, uns zu verhüllen. Nicht zu viel versteht sich. Ein Bikini war schon in Ordnung. Man sollte ja erahnen dürfen, welche Kurven sich darunter «verstecken» – eine Gratwanderung.
In den 60ern hatte eine Gruppe von Frauen schliesslich genug von der Objektifizierung und all der Heimlichtuerei um die zwei ziemlich Hügelchen unter BHs und Bikinis. Sie protestieren vor der Miss America Wahl und entsorgten ihre unbequemen Exemplare symbolisch in eine «Freedom Trash Can» (der Teil der Erzählung, in der sie die Mülltonne anzünden und die BHs verbrennen, hat hingegen nie stattgefunden).

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1968 haben einige Frauen genug von der Objektifizierung und Sexualisierung der Frau und ihrer Nippel. 

Getty Images

Ihrem Beispiel folgten Bianca Jagger, Jane Birkin, Cher – allen waren BHs ziemlich egal. Und ob jemand ihre Nippel sehen konnte erst recht. Sie legten den Grundstein für die zweite, goldene Ära der weiblichen Brustwarzen in der Mode: die 90er.

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Man sieht nichts. Wenn doch, wäre es Bianca Jagger wohl aber auch egal gewesen. 

Redferns

Die Nippel-Ära, Part II

Kate Moss. Madonna. Zirca jedes Design, dass Jean-Paul Gaultier jemals entworfen hat. Alle feierten plötzlich die frohe Botschaft: Frauen haben Nippel, und wenn sie jemand sieht, wird er weder versteinert noch fällt er tot um! Man kann sie anschauen ohne gleich über die jeweilige Frau herzufallen. Wer hätte das gedacht!
Folglich kam auch Jennifer Aniston in «Friends» gar nicht erst auf die Idee, mal einen BH anzulegen. Und Samantha lieh Miranda ihre Stick-on-Nippel in einer Folge von «Sex and the City» – bewundernde Blicke der Männer inklusive. 

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Auf einer Benefiz-Veranstaltung erscheint Madonna 1992 in einem Einteiler, der eigentlich nur eine Hose mit Trägern ist.

WireImage

Fashion Tits

Heute sind es Bella Hadid, Kendall Jenner und Miley Cyrus, die ihre Nippel der Welt präsentieren. Wundern tut sich keiner mehr. Höchstens freuen. Sie sind ein Stück weit zur Normalität geworden. Sie sind zwar da, aber werden nicht sofort über-sexualisiert. Aber sie kommen mit einem Problem. Denn ihre Nippel und die dazugehörigen Brüste sind etwas, dass unsere Gesellschaft heute als «Fashion Tits» betitelt: Sie sind unverschämt perfekt. Aus rein praktischen Gründen bräuchten sie ohnehin keinen BH. Sie hängen kein Stück, stehen nah beieinander und die Brustwarzen sitzen so unnatürlich hoch, das man sich zwangsläufig fragt, ob mit einem selbst irgendetwas nicht stimmt. Wenn sie in im 100. Naked Dress auf einer Party hervorlugen oder unter dem engen Top im kalten New York sichtbar werden, dreht sich niemand mehr um. Sie gehören ja schliesslich zum Körper der Damen.
Mh, stimmt, aber gilt auch für die von Lena Dunham? Oder Lizzo? Zeigt sich nämlich eine der beiden nicht der Norm entsprechenden Damen leicht bekleidet, werden sie immer noch als «mutig» abgestempelt. Stellt euch einen leisen Seufzer vor. Sagen wir es so: Von «Free the Nipple» sind wir auch 2020 noch ein gutes Stück entfernt. Ein kleiner Schritt zurück ins Jahr 1444 wäre hier aber ausnahmsweise mal wünschenswert.

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2014 konnte Rihanna im Naked Dress noch schockieren. Ihr Outfit ist nach wie vor fabelhaft. Umdrehen tut sich aber heute kaum noch jemand.

WireImage
Von Malin Mueller am 20.05.2020
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