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  4. Brustwarzen in der Mode: Früher normal, heute nur ein Stück weit

Vom Hingucker zur Anstössigkeit

Die Geschichte des Nippels in der Mode

Alle Menschen haben sie. Die meisten zwei. Einige mehr, einige weniger. Dafür, dass sie so normal sind, bieten besonders die weiblichen Exemplare ziemlich viel Skandal-Potenzial. Auch ganz aktuell wieder in einem Insta-Post von Victoria Beckham. Seit wann weibliche Nippel so verteufelt werden? Ihre Geschichte von damals bis heute.

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2000 designte das damalige Spice Girl noch nicht selbst, lief aber – mit auffälligen Nippeln – über den Runway von Maria Grachvogel.

PA Images via Getty Images

Hand hoch, wer gerade im Home Office sitzt und einen BH trägt! Ist euer Arm immer noch unten? Jap, sieht hier genauso aus. Es fühlt sich schliesslich gut an, nicht täglich mit pieksenden Metallbügeln unter der Brust herumzulaufen, die unangenehme Druckstellen verursachen, die kein Mensch gebrauchen kann. Trotzdem tun wir es immer noch fast täglich an (also, üblicherweise, wenn wir unseren heimischen Schreibtisch mal verlassen). Wieso eigentlich? Um den Standards in der Gesellschaft gerecht zu werden? Nicht jedem Dahergelaufenen unsere Nippel zu präsentieren? Weil Instagram sie immer noch zensiert? Das einzige, was sicher ist: Natürlich ist diese Scheu nicht. Früher sah das nämlich mal ganz anders aus.

Agnès, die Rebellin

Kurze Zeitreise ins 15. Jahrhundert: Agnès Sorel war in der Blütezeit ihres Lebens, als sie von Charles VII offiziell zu seiner Mätresse erkoren wurde, alle Rechte am Hof inklusive. Sie war ausserdem sowas wie die Bella Hadid von 1444 – eine Trendsetterin, die ihren Nippeln gern besondere Aufmerksamkeit bei der Wahl ihrer Outfits zukommen liess. Sie trug ihre Korsetts obenrum gern ungeschnürt, sodass der Blick auf ihre Brüste frei lag. Das war zwar frech, sorgte damals aber noch für weitaus weniger Aufmerksamkeit als die Tatsache, dass sie es sich erlaubte, ein Collier mit Diamanten um den Hals zu tragen (das war nur Königen gestattet). Mit ihrem Nippel-Fokus setzte sie dafür einen Trend, dem viele folgten.

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Agnès Sorel lebte nach dem Motto «Zeig, was du hast!».

ullstein bild via Getty Images

Der Nippel am königlichen Hofe

Drei Jahrhunderte später war es erneut wahnsinnig hip, Nippel zu zeigen. Aber nicht etwa auf dem Land oder in der Kneipe, wo denkt ihr hin! Mode war etwas, dass den Adligen am Hofe vorbehalten war. Wer es sich leisten konnte, stolzierte mit tief geschnürten Korsetts, die UNTER den Nippeln endeten, zum Bankett. Allen voran Gabrielle Émilie Le Tonnelier de Breteuil, Marquise du Châtelet-Laumont. Sie war ziemlich clever, gebildet in Philosophie und Mathematik, die Mätresse von Voltaire und hatte eine Schwäche für Rouge. Auf ihren Nippeln. In Kleider gepackt, aus denen sie oben herausschauten, wurden sie perfekt in Szene gesetzt. Wer nicht so der Blush-Fan war, konnte auch auf kunstvoll geformte und kristallbesetzte Ringe zurückgreifen, die um die Brustwarzen gelegt wurden. Très chic.

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Gabrielle Émilie Le Tonnelier de Breteuil, Marquise du Châtelet-Laumont – das ist ihr voller Name inklusive Titel. Sie war Mathematikerin. Und sie zeigte gern ihre Nippel.

De Agostini via Getty Images

1780 kam der offene Nippel langsam aus der Mode und die Kleider reichten höher. Napoleons Schwester, Pauline Bonaparte, hielt allerdings nicht viel von der neuen Mode und trug statt engen Korsagen gern transparente Kleider, um dem Hof etwas zu Reden zu geben. Dem Rouge-Trick ihrer Vorgängerinnen blieb sie dennoch treu. Sie war damit eine der Letzten.

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Pauline Bonaparte setzte statt auf die Korsagen lieber auf die heute wieder beliebten Naked Dresses.

Heritage Images/Getty Images

Weg mit der Brustwarze!

Die Trends, die folgten, fokussierten sich vor allem auf eins: die Nippel zu verdecken. Nach Möglichkeit komplett und das nicht nur farblich, sondern auch so, dass nicht mal ihre Form mehr zu erahnen war. Das heisst: Insofern man eine Frau war. Männer durften sich ab sofort umso lieber oben ohne zeigen.
War der Körper trainiert, schaute man gerne hin. War er das nicht, dachte man sich nichts weiter dabei. Die Männer zogen also blank und die Frauen begannen, sich zu verhüllen. Nicht zu viel, versteht sich. Ein Bikini war schon in Ordnung. Man sollte ja erahnen dürfen, welche Kurven sich darunter «versteckten» – eine Gratwanderung.
In den 1960ern hatte eine Gruppe von Frauen schliesslich genug von der Objektifizierung und all der Heimlichtuerei um die Rundungen unter BHs und Bikinis. Sie protestieren vor der Miss America Wahl und entsorgten ihre unbequemen Exemplare symbolisch in eine «Freedom Trash Can». Der Teil der Geschichte, in dem sie die Mülltonne anschliessend anzündeten, um ihre BHs dramatisch zu verbrennen, hat übrigens nie stattgefunden.

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1968 haben einige Frauen genug von der Objektifizierung und Sexualisierung der Frau und ihrer Nippel. 

Getty Images

Ihrem Beispiel folgten Bianca Jagger, Jane Birkin und Cher – ihnen allen waren BHs ziemlich egal. Ob jemand ihre Nippel sehen konnte erst recht. Sie legten den Grundstein für die zweite, goldene Ära der weiblichen Brustwarzen in der Mode: die 1990er.

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Man sieht nichts. Wenn doch, wäre es Bianca Jagger aber auch egal gewesen. 

Redferns

Die Nippel-Ära, Part II

Kate Moss. Madonna. Zirca jedes Design, das Jean-Paul Gaultier jemals entworfen hat. Alle feierten plötzlich die frohe Botschaft: Frauen haben Nippel, und wenn sie jemand sieht, wird er weder versteinert noch fällt er tot um! Man kann sie anschauen ohne gleich über die jeweilige Frau herzufallen. Wer hätte das gedacht!
Folglich kam auch Jennifer Aniston in «Friends» gar nicht erst auf die Idee, mal einen BH anzulegen. Und Samantha lieh Miranda ihre Stick-on-Nippel in einer Folge von «Sex and the City» – bewundernde Blicke der Männer inklusive. 

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Auf einer Benefiz-Veranstaltung erscheint Madonna 1992 in einem Einteiler, der eigentlich nur eine Hose mit Trägern ist.

WireImage

Fashion Tits

Heute sind es Bella Hadid, Kendall Jenner und Miley Cyrus, die ihre Nippel der Welt präsentieren. Wundern tut sich keiner mehr. Höchstens freuen. Sie sind ein Stück weit zur Normalität geworden. Sie sind zwar da, aber werden nicht sofort über-sexualisiert. Aber sie kommen mit einem Problem. Denn ihre Nippel und die dazugehörigen Brüste sind etwas, das unsere Gesellschaft heute als «Fashion Tits» betitelt: Sie sind unverschämt perfekt. Aus rein praktischen Gründen bräuchten sie ohnehin keinen BH. Sie hängen nicht, stehen nah beieinander und die Brustwarzen sitzen so unnatürlich hoch, das man sich zwangsläufig fragt, ob mit einem selbst irgendetwas nicht stimmt. Wenn sie im 100. Naked Dress auf einer Party hervorblitzen, oder unter einem engen Top im kalten Wind sichtbar werden, dreht sich niemand mehr um. Sie gehören ja schliesslich zum Körper der Damen.

Instagram stellt sich noch immer quer

An Events und auf der Strasse darf der weibliche Nippel sich also wieder zeigen. In seiner ganzen Pracht? Naja, ein bisschen Stoff sollte schon noch drüber liegen … Soweit der Stand 2020. Wer hier noch an sich arbeiten darf, ist unser aller Lieblings-Social-Media-Kanal Instagram. Dort nämlich herrscht noch immer striktes Brustwarzen-Verbot. Für Frauen. Klar. Wer zu viel Haut oder Brust zeigt, wird blockiert, der Post gelöscht. Designerin Victoria Beckham, die während ihrer Spice-Girl-Karriere selbst gern mal Nippel zeigte, ist das wurst. Die 46-Jährige postete vor wenigen Tagen ein Bild von einem der Looks ihrer anstehenden Kollektion für die London Fashion Week. Darauf zu sehen? Brüste.

 

In den Kommentaren geht es nun heiss her. Stillos sei das, geschmacklos. Man solle endlich einschreiten und das Bild wieder löschen. Komisch. Eine Reihe Oben-Ohne-Bilder von Victorias Sohn Brooklyn hat über 300.000 Likes. Geschmacklos findet die niemand. Auch ums Löschen wurde bisher nicht gebeten – die Bilder sind aus dem Dezember 2019 …

Ein kleiner Schritt zurück ins Jahr 1444 wäre hier also ausnahmsweise mal wünschenswert. Lasst Victoria Beckham ihre Mode machen. Schaut sie nicht an, wenn sie euch nicht gefällt. Und verhüllt eure Nippel, wenn ihr das wollt, aber shamed nicht die, die ihre zeigen wollen. Danke.

Wie seht ihr das, gehören weibliche Nippel unter Verschluss? 

Von Malin Mueller am 21.09.2020
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